Landeskorrespondenz
Salzburg:
Salzburg weltoffener Gastgeber für "Alternative Nobelpreisträger"
3500ANP/Vötter080205
25
JAHRE ALTERNATIVER NOBELPREIS
Anlässlich
des 25-Jahr-Jubiläums des von Jakob von Uexküll ins Leben gerufenen Alternativen Nobelpreises (Right Livelihood
Award) treffen sich 2005 die Preisträgerinnen und
Preisträger in Salzburg, wie schon im Jahr 1999 zur Feier des
20-jährigen Bestehens der Right
Livelihood Foundation.
In
St. Virgil, dem Bildungs- und Konferenzzentrum der Erzdiözese,
organisiert das Büro für Kulturelle
Sonderprojekte des Landes Salzburg vom 8. bis 13. Juni 2005 eine
internationale Konferenz, zu der
sich bisher über 70 Preisträgerinnen und Preisträger aus aller Welt angemeldet haben.
Erstmals
bietet das Treffen der Alternativen Preisträger auch der interessierten
Öffentlichkeit die Möglichkeit, an
Sitzungen und Veranstaltungen innerhalb der Jubiläums-Konferenz teilzunehmen.
Es wurde ein umfangreiches Programm entwickelt, das neben Vorträgen, Arbeitsgruppen und Gesprächen am Freitag, 10.
Juni 2005, auch einen „Tag der
Begegnung" vorsieht. In enger
Verbindung mit zahlreichen Vereinen und Institutionen in Stadt und Land Salzburg hat das Organisationskomitee es
ermöglicht, dass zahlreiche der Alternativen Nobelpreisträger
aktiv an dezentralen Veranstaltungen teilnehmen. Einerseits, um die jeweiligen Gruppen positiv zu motivieren,
andererseits aber auch selbst von den Aktivitäten und
Zielen dieser Salzburger Gruppen zu lernen. Das Interesse der
Institutionen, aber auch Schulen war
enorm, Einladungen an die Trägerinnen und Träger des Alternativen Nobelpreises zur Mitwirkung bei ausgewählten
Veranstaltungen kamen aus allen Salzburger Gauen.
Am
Samstag, dem 11. Juni, konzentriert sich die Zusammenkunft der
Alternativen Nobelpreisträger in St.
Virgil auf die Konferenz unter dem Motto „Alternativen,
die sich rechnen",
die der Stifter und Gründer des Right Livelihood Awards, Jakob von
Uexküll, mit Grußworten eröffnen
wird. Preisträgerin Helena Noberg-Hodge hält das Impulsreferat zur spirituellen, sozialen und ökologischen
Erneuerung, es folgt ein Vortrag des Philosophen, Unternehmensberaters
und Buchautors Frithjof Bergmann zum Thema „Neue Arbeit – Neue Kultur".
Als
Gäste, die für eine angemessene musikalische Umrahmung sorgen, wurden
Christina Zürbrügg und Hubert von
Goisern eingeladen.
Den
ganzen Tag über gibt es hochkarätig besetzte Arbeitsgruppen zu Themen
wie „Frieden und Sicherheit für
alle", „Menschenrechtsverbrechen", „Gelebte
Demokratie", „Spiritualität und
Kultur" oder „Die Herausbildung einer gemeinsamen Vision",
abends werden Resümees präsentiert.
Am
Sonntag, 12. Juni, findet beim Plainwirt in Maria Plain bei Salzburg das „Akademische
Wirtshaus" statt.
Die Leopold-Kohr-Akademie lädt seit 1988 immer wieder hochrangige Persönlichkeiten
nach Salzburg ein, die im Sinne von Leopold Kohr, dem Salzburger Philosophen
und Träger des Alternativen Nobelpreises leben, arbeiten und seine Thesen
weltweit verbreiten. Zum diesjährigen „Academic
Inn" sind Freunde und Gesprächspartner von
Kohr aus London, New York oder Puerto Rico geladen, die gemeinsam mit
Silvia Kronberger Kohrs Thesen und
deren Bedeutung für die Frauenforschung präsentieren werden.
Inhaltlich
orientiert sich das Zusammentreffen der Alternativen
Nobelpreisträgerinnen und, Nobelpreisträger
in Salzburg an wichtigen Zukunftsthemen wie die Notwendigkeit, neue lebensfördernde Formen des Arbeitens,
Forschens und Wirtschaftens zu unterstützen, sowie die
Gerechtigkeit bzw. die Gleichbehandlung von Regionen, Generationen und
Geschlechter voranzutreiben und
Regionen und Kulturen weiter zu entwickeln, wo Menschen ihre Lebensgrundlagen
umweltfreundlich und sozialverträglich sichern und gestalten können. Die
Themen sollen eine wirkungsvolle Grundlage bei
der Bekämpfung der Armut und beim Bemühen
für ein friedvolles Miteinander der Menschen bilden. Der
öffentliche Teil des Nobelpreisträger-Treffens in Salzburg bietet die
große Chance für Interessierte,
Kontakte zu knüpfen, alternative Projekte und Initiativen kennen zu
lernen und die Erfahrungen zu nützen,
sei es im Arbeits- oder Wirtschaftsleben, aber auch in kulturellen und
sozialen Bereichen.
Zum
Anlass der 25-Jahr-Jubiläumsfeier des Alternativen Nobelpreises wird der
Verein Salzburger Eisenbahn
Philatelisten (S.E.Ph.) am 11. Juni in St. Virgil von 12 bis 16 Uhr ein Sonderpostamt einrichten mit eigenem
Sonderpoststempel, Festkuvert, Erinnerungsblatt und zwei
Sonderbriefmarken, die Alfred Winter, der Organisator des Treffens,
entworfen hat. Ergänzend gibt es eine
Briefmarkenausstellung, u.a. zu Schwerpunktthemen der Konferenz.
Haslauer:
Konferenz zum 25-Jahre-Jubiläum vom 8. bis 13. Juni in St.
Virgil
Salzburger
Landeskorrespondenz, 19.04.2005
(LK)
Das Jubiläum „25 Jahre Alternativer Nobelpreis“
wird vom 8. bis 13. Juni in Salzburg gefeiert. Die Right
Livelihood Foundation und das Land Salzburg haben die
bisherigen Preisträger sowie namhafte Experten zu einer
Konferenz eingeladen; bisher (Stand 17. April) haben 73
Alternative Nobelpreisträger aus rund 65 Ländern ihr Kommen
zugesagt. Ein anspruchsvolles Programm – 10. Juni: Tag der
Begegnung, 11. Juni: Konferenz „Alternativen, die sich
rechnen“, 12. Juni: Academic Inn – gibt der interessierten
Öffentlichkeit Gelegenheit zur Begegnung mit den Preisträgern.
Der 8., 9., und 12. Juni sind für interne Beratungen bzw. die
Konferenz der Preisträger reserviert. „Unsere Gesellschaft
braucht Vordenker und Querdenker mit Ideen und Visionen –
Experten, die auf Basis fundierter Studien Probleme sowie
deren Lösungen aufzeigen. Die Träger des Alternativen
Nobelpreises sind eine höchstkarätige Runde, die sich hier
in Salzburg zum Gedankenaustausch treffen wird“, unterstrich
heute, Dienstag, 19. April, Landeshauptmann-Stellvertreter
Haslauer die Bedeutung der Veranstaltung.
In
einem gemeinsamen Informationsgespräch mit Prof. Alfred
Winter, dessen Kulturelle Sonderprojekte für die Durchführung
der Veranstaltung hauptverantwortlich zeichnen, Prälat Dr.
Hans-Walter Vavrovsky von St. Virgil, Wirtschaftskammerpräsident
Komm.-Rat Julius Schmalz, Arbeiterkammerpräsident Siegfried
Pichler und Christian Vötter von der Leopold-Kohr-Akademie
wurden die Schwerpunkte der Jubiläums-Veranstaltung unter dem
Motto „Alternativen, die sich rechnen“ präsentiert.
Das
„Büro für Kulturelle Sonderprojekte“ unter der Leitung
des Landesbeauftragten Prof. Alfred Winter, die
Leopold-Kohr-Akademie und St. Virgil als Konferenzort begannen
vor zwei Jahren mit der Vorbereitung und Organisation des
Treffens. Ein gegründetes Komitee befasst sich mit der
Organisation und Abwicklung der Veranstaltung. Das Büro für
Kulturelle Sonderprojekte, Ressort
Landeshauptmann-Stellvertreter Dr. Wilfried Haslauer, die
Salzburger Wirtschaft und die Arbeiterkammer Salzburg decken
einen weiteren großen Teil des notwendigen Budgets ab.
Mitveranstalter sind die Right Livelihood Foundation (Jakob
von Uexküll und sein Neffe Ole von Uexküll), die aktivsten
Kooperationsparnter sind AUGE – Alternative und Grüne
Gewerkschafter Salzburg (Robert Müllner) und das Klimabündnis
Salzburg (Jean Marie Krier).
„Es
soll eine Plattform für die Preisträger geschaffen werden,
um interne Meinungen austauschen, in Gesprächen kooperative
Visionen finden und in den zentralen Konferenz-Themen wie
Neues Wirtschaften, Nachhaltigkeit, Frieden oder
Menschenrechte Antworten finden zu können. Zudem werden
breite Begegnungsmöglichkeiten für die Salzburgerinnen und
Salzburger mit den Nobelpreisträgern geschaffen. Damit haben
wir die Möglichkeit, ganz unmittelbar in unseren Gemeinden
von diesem internationalen Treffen zu profitieren“, zeigte
sich Haslauer überzeugt.
Die
zentralen Themen der Konferenz sind:
·
Frieden und Sicherheit für alle: Frieden und Konfliktlösung,
globale Sicherheit und Menschenrechte;
·
Menschenrechtsverbrechen: Verhinderung von Folter, Verfolgung
von Menschenrechtsverbrechen, Aufarbeitung autoritärer Regime
und Aussöhnung;
·
Gelebte Demokratie: Demokratische Teilhabe jenseits von
Wahlen, Stärkung der Zivilgesellschaft und Stärkung von
Minderheiten;
·
Nachhaltiges Leben: Unterschiedliche Lebensstile, nachhaltige
Wirtschaftsweise indigener Völker und Alternativen zur
Konsumgesellschaft;
·
Spiritualität und Kultur: Kulturelle Vielfalt und Spiritualität
als „wahrer“ Reichtum;
·
Menschliche Entwicklung: Ernährung und Wasser, nachhaltige
Energie, Bildung, Gesundheit und Armutsbekämpfung;
·
Naturschutz und biologische Vielfalt: Globale Umweltprobleme
und nachhaltiger Umgang mit dem Reichtum der Natur;
·
Neue Arbeit - Neues Wirtschaften: Arbeitslosigkeit, globaler
Handel und Liberalisierung;
·
Entwicklung einer gemeinsamen Vision: Wie können wir aus
alternativen Konzepten in unterschiedlichen Bereichen ein
zusammenhängendes Gesamtbild gestalten?
Zwei
Alternative Nobelpreisträger aus Salzburg
Salzburg
ist die einzige Stadt der Welt, die zwei Alternative
Nobelpreisträger aufweisen kann: Prof. Dr. Leopold Kohr
(1983), den visionären Wirtschafts-Philosophen, und Dr.
Robert Jungk (1986), den Zukunftsforscher. Diese Tatsache war
mit ein Grund, warum der Gründer des Alternativen
Nobelpreises, Jakob Uexküll, schon das 20-Jahre-Jubiläum
nach Salzburg gebracht hat und auch heuer das 25-Jahre-Jubiläum
des ANP wiederum hier gefeiert wird, informierte
Landeshauptmann-Stellvertreter Haslauer. Diese Auszeichnung für
Salzburg sei aber auch der breiten Unterstützung über alle
Partei- und Interessengrenzen hinweg zu verdanken, die nicht
zuletzt durch das gemeinsame Engagement von Wirtschaftskammer
und Arbeiterkammer verdeutlicht werde. Die Schirmherrschaft über
die Veranstaltung haben EU-Kommissarin Dr. Benita
Ferrero-Waldner und Salzburgs Erzbischof Dr. Alois Kothgasser
übernommen.
Seit
1980 121 Projekte aus 65 Ländern ausgezeichnet
Seit
1980 wurden etwa 121 Menschen und Projekte in 65 Ländern aus
mehr als 650 Nominierungen ausgewählt und ausgezeichnet. Die
jährliche Preissumme von zirka zwei Millionen
Schwedischen Kronen (zirka 220.000,00 Euro) teilen sich drei
oder vier Preisträger – zugunsten ihrer Projekte und
Arbeiten, nicht zu ihrem eigenen, persönlichen Nutzen. Mit
einem nicht monetären Ehrenpreis würdigt die Jury Personen
oder Projekte, um sie so einer internationalen Öffentlichkeit
näher zu bringen.
Vavrovsky:
Vernetzung unter den Preisträgern
Zur
Feier „20 Jahre Alternativer Nobelpreis“ vom 30. Mai bis
2. Juni 1999 in St. Virgil waren rund 63 der damals noch
lebenden 83 Träger des Preises nach Salzburg gekommen. Es war
dies das erste wirklich große Treffen, das intensiv für
Kommunikation und Vernetzung unter den Preisträgern genutzt
wurde, erinnerte Prälat Dr. Hans-Walter Vavrovsky von St.
Virgil. Jakob von Uexküll wurde in der Residenz mit dem
„Salzburger Landespreis für Zukunftsforschung“
ausgezeichnet und war damit der dritte Träger dieses Preises
überhaupt.
„Beeindruckend
war, dass die meisten dieser Menschen, die zumeist aus ärmeren
Gebieten unserer Erde stammten, jede/jeder an seinem Platz
entschieden hatte, das ‚Notwendige zu tun’, meist ohne öffentliche
und finanzielle Unterstützung. Wie nachhaltig die Welt durch
konkretes Handeln zu verändern ist, zeigten eindrucksvoll die
zahlreichen Projekte. Eine der strahlendsten Persönlichkeiten
war auch 1999 schon die Friedensnobelpreisträgerin Wangari
Maathai, deren Projekt ‚Green Belt Movement’ von St.
Virgil anlässlich des eigenen 20-jährigen Jubiläums 2001 präsentiert
und unterstützt wurde“, so Vavrovsky, der noch hinzufügte,
dass auch heuer ein deutliches Signal der
Diskussionsbereitschaft gesetzt werden solle.
Schmalz:
Wirtschaft braucht individuelle Strategien und Konzepte
Für
die Salzburger Wirtschaft sei der Leitgedanke des Alternativen
Nobelpreisträgers Leopold Kohr – nämlich „Small is
beautiful“ – seit langem selbstverständlich. In Salzburg
erwirtschaften kleine und mittlere Unternehmen 57 Prozent der
Wertschöpfung, tätigen 62 Prozent der Investitionen und
stellen 85 Prozent der Ausbildungsplätze zur Verfügung. Auch
in Zeiten der Globalisierung gelte es, diese Strukturen zu
erhalten und sie sogar noch zu verbessern, betonte der Präsident
der Salzburger Wirtschaftskammer Komm.-Rat Julius Schmalz.
„Die
Salzburger Wirtschaft will und kann sich nicht von der
Globalisierung abschotten: Wir sagen ‚Ja’ zur
Globalisierung, aber nicht um jeden Preis. Es kann nicht sein,
dass sich einige wenige Global Player die Weltwirtschaft
untereinander ausmachen ohne Rücksicht auf die
wirtschaftlichen Strukturen in den einzelnen Ländern. Es gibt
viel Positives an der wirtschaftlichen Globalisierung, aber
wir müssen die damit verbundenen Risiken für die Salzburger
Klein- und Mittelbetriebe minimieren. Dafür existieren keine
Patentrezepte. Gefragt sind vielmehr – entsprechend den
Zielen des Alternativen Nobelpreises – individuelle
Strategien und Konzepte“, so der WK-Präsident.
Zu
diesen Zukunftskonzepten gehört unter anderem die Betonung
der Nachhaltigkeit im wirtschaftlichen Handeln. Wie eine
Studie der Wirtschaftskammer Österreich ergeben hat, liegt Österreich
im nachhaltigen Wirtschaften EU-weit an der Spitze, gefolgt
von Schweden, Deutschland und Dänemark. Für mehr
Nachhaltigkeit setze sich auch die Salzburger Wirtschaft ein,
führte Präsident Schmalz aus. So hat das
Umwelt.Service.Salzburg, die gemeinsame Umweltberatung von
Land, Bund und Wirtschaftskammer Salzburg, kürzlich einen
Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem die besten Ideen für
Nachhaltigkeit in Betrieben und Gemeinden ausgezeichnet
werden.
Dass
Nachhaltigkeit zu den großen weltpolitischen und ökonomischen
Herausforderungen zähle, werde auch Prof. Franz-Josef
Radermacher bei einem Vortrag am Donnerstag in der
Wirtschaftskammer Salzburg aufzeigen, kündigte Schmalz an.
Radermacher ist Mitautor des neuen Berichts an den Club of
Rome, in dem der Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und
Wohlstand aufgezeigt wird.
Pichler:
Vorbild für ein menschenwürdiges Miteinander
Der
Alternative Nobelpreis zeichnet Menschen aus, die ungeachtet
oft schwieriger Rahmenbedingungen Vorbild für ein menschenwürdiges
Miteinander sind, Menschen die Alternativen für eine umwelt-
und sozialverträgliche Entwicklung aufzeigen. „Der
Alternative Nobelpreis steht für die Arbeiterkammer
stellvertretend für die andere Globalisierung, die nicht den
Profit weniger Privilegierter, sondern das Wohlergehen und das
Glück aller Menschen in den Mittelpunkt stellt“, betonte
Arbeiterkammer-Präsident Siegfried Pichler.
„Gerade
heute sind in einer zunehmend vom ‚Turbokapitalismus' geprägten
globalisierten Gesellschaft sozialverträgliche Alternativen
gefragt, die mehr Lebensqualität für alle Menschen bieten.
Lebensqualität bedeutet für die Arbeiterkammer nicht nur
eine intakte Umwelt, sondern vor allem immer auch menschenwürdige
Arbeitsplätze und die Gewährleistung sozialer
Mindeststandards“, so Pichler.
Diese
sozialen Mindeststandards hängen zunehmend vom Wohlwollen
weltweit agierender Unternehmen ab. Die AK werde die Chance nützen
und im Dialog mit den Preisträgern Alice Tepper Marlin und
dem Seikatsu Club Consumers' Cooperative über Möglichkeiten
und Macht der Konsumenten zur Gewährleistung sozialer
Mindeststandards diskutieren.
Vötter:
Förderung der wirtschaftlich kleinen Einheiten
Die
Bildungsakademie des Vereins Tauriska im Kammerlanderstall in
Neukirchen am Groß-venediger ist nach dem Philosophen
Professor Dr. Leopold Kohr (1909 bis 1994) benannt. Die
Kohr’sche Leitidee der „Rückkehr zum menschlichen Maß!“
ist Auftrag und gleichermaßen Programm für die
Leopold-Kohr-Akademie, die sich als Fortbildungsinstitut
speziell für die Nationalparkregion Hohe Tauern versteht und
die Förderung der wirtschaftlich kleinen Einheiten zum Ziel
hat, erläuterte Christian Vötter von der
Leopold-Kohr-Akademie. Kohr selbst erachtete Modelle wie den
Tauriska-Kammerlanderstall, die im überschaubaren Rahmen
perfekt funktionieren, als richtungweisend für das Überleben
der Menschheit.
Aufgaben
der Leopold Kohr Akademie:
·
die wissenschaftliche Be- und Aufarbeitung des gesamten
Nachlasses von Leopold Kohr sowie die Öffnung dieser
Materialien für die interessierte Fachwelt. Archivstandort
Salzburg (Altstadt);
·
die kommentierte Neuherausgabe aller bereits publizierten
(jedoch vergriffenen) Bücher Leopold Kohrs sowie die
erstmalige Edition bisher unveröffentlichter Werke;
·
die Vergabe und Betreuung von wissenschaftliche Arbeiten
(Diplomarbeiten, Dissertationen) in Zusammenarbeit mit dem
Institut für Geschichte der Universität Salzburg;
·
die kritische und (möglichst) interdisziplinäre
Auseinandersetzung mit dem Werk Leopold Kohrs in der universitären
Lehre;
·
Gründung und Durchführung sowie internationale Forcierung
des Projektes Geschichte@Internet (im Mittelpunkt steht die
wissenschaftliche und kritische Auseinandersetzung mit dem
neuen Leit-Medium) im Sinne Leopold Kohrs;
·
die Betreuung der jeweils aktuellen Alternativen Nobelpreisträger
plus Ausrichtung von themenbezogenen Jahrestagungen in
Neukirchen und Salzburg;
·
Entwicklung und Vorbereitung eines Leopold-Kohr-Preises;
·
Herausarbeitung der Elemente einer „Theorie kleinräumiger
Wirtschaftskreisläufe“ im Kohr’schen Werk als
spezifischer Beitrag zur Wirtschaftstheorie und Perspektive für
die Wirtschaftspolitik;
·
Unterstützung der Bemühungen zur Errichtung eines Gewerbe-
und Industriemuseums für den Zentralraum Salzburg sowie
·
Unterstützung von Projekten eigenständiger Kultur- und
Regionalentwicklung auch im europäischen Kontex.
Eine
enge Zusammenarbeit der Leopold-Kohr-Akademie mit der Right
Livelihood Foundation und dem Gründer und Stifter des
Preises, Jakob von Uexküll, gibt es bereits seit dem Jahr
1998. 1999 organisierte die Akademie mit den Kulturellen
Sonderprojekten das 20-Jahre-Jubiläum in Salzburg. Bei diesem
Anlass entstand die Idee, jährlich die aktuellen Preisträger
nach Salzburg einzuladen, um ihre zukunftweisenden Projekte
vorzustellen, jeweils in Verbindung mit Projekten aus
Salzburg. Dieser Plan wurde bei folgenden Veranstaltungen
umgesetzt:
·
Friedenssymposion in St. Johann und Bad Hofgastein – 2000,
·
Ökokulturprojekt Teufelsgraben in Seeham – 2001,
·
Tagung „Viktualien neu gedacht“ in Neukirchen am Großvenediger
– 2002,
·
salzburg glokal - 2003.
25
Jahre Alternativer Nobelpreis
Der
Right Livelihood Award, hierzulande besser bekannt als
„Alternativer Nobelpreis“, wurde 1980 von dem
deutsch-schwedischen Publizisten, Philatelisten und ehemaligen
Europa-Abgeordneten Jakob von Uexküll gestiftet.
Mit
dem Preis werden Personen und Initiativen geehrt, die auf
verschiedene Weise Lösungen für Probleme unserer Zeit
erarbeiten. Alle Preisträger eint die Vision von einer
humanitären Gesellschaft ohne Unterdrückung und Ausbeutung,
das Bestreben, die Vielfalt und die Ressourcen unseres
Planeten zu bewahren, sowie einer Ethik der Gerechtigkeit und
Nachhaltigkeit. Vor allem in den Ländern der so genannten
„Dritten Welt“ – in kaum eines ist jemals ein
‚echter’ Nobelpreis gegangen – hat der ‚Right
Livelihood Award’ einen sehr hohen Stellenwert, weil er die
Perspektiven dieser Länder und ihr berechtigtes Interesse an
selbstbestimmter Entwicklung betont und unterstützt.
Alles
begann mit dem Traum eines Philatelisten. Ein gutes
Vierteljahrhundert ist es her, dass der deutsch-schwedische
Briefmarkensammler Jakob von Uexküll sich eines Tages fragte,
ob man guten Gewissens sein Leben mit dem Sammeln kleiner
bunter Papierchen verbringen dürfte, während zeitgleich die
Welt immer mehr in Stücke fiel. Er entschloss sich, seine
Sammlung zu verkaufen, gründete mit dem Erlös die Right
Livelihood Stiftung und schrieb den „Preis für die richtige
Lebensführung“ aus. Dass man ihn heute den ‚Alternativen
Nobelpreis’ nennt, ist nicht die Idee des Stifters, sondern
ein indirektes Lob der Öffentlichkeit, die ihn längst mit
dem wichtigsten Wissenschaftspreis vergleicht. Und tatsächlich
umfasst der „Right Livelihood Award’ (RLA) heute ein so
breites Spektrum, dass man ihn getrost mit seinem großen
Bruder vergleichen kann: Mit dem Alternativen Nobelpreis
werden Friedens-, Umwelt- und soziale Projekte sowie Konzepte
alternativer und nachhaltiger Entwicklung in der Ersten und
der Dritten Welt ausgezeichnet. Mit ihm werden die Nutzung
regenerative Energien und die Entwicklung entsprechender
Technologien, die biologische Landwirtschaft und ganzheitliche
Gesundheitsversorgung unterstützt. Der Preis belohnt den
Schutz biologischer und kultureller Vielfalt, den Ausbau der
Demokratie, den Schutz der Menschenrechte. Er belohnt all jene
kleinen Lösungen, die für die großen Probleme im Ansatz längst
vorhanden sind.
Die
Right Livelihood-(RLA)-Stiftung ist in Schweden als gemeinnützig
eingetragen und hat Vertretungen in England, Deutschland,
Indien und den Vereinigten Staaten. Sie ist unabhängig von
jedweden politischen oder religiösen Gruppierungen. Der Right
Livelihood Award wird jährlich im Schwedischen Parlament
in Stockholm am Tag vor der Nobelpreispräsentation vergeben.
Alfred
Nobel wollte diejenigen ehren, die „der Menschheit die größte
Wohltat“ erweisen. Vom selben Geist getragen unterstützt
die „Right Livelihood Award“-Stiftung diejenigen, die an
anwendbaren und beispielhaften Lösungen von den tatsächlichen
Problemen unserer Zeit arbeiten. Der Alternative Nobelpreis
wird für keine Kategorien vergeben, sondern ehrt sehr
unterschiedliche Beiträge für eine bessere Zukunft der Welt.
Die Stiftung zieht es auch vor, ihre Preisträger nicht
„Gewinner“ zu nennen, da dies den Eindruck erweckt, als
seien die anderen Verlierer.
Auszeichnung
und Wirkung
Der
RLA (Right Livelihood Award) unterstützt nicht nur direkt und
unmittelbar. Wissen und Erfahrungen der Preisträger werden
einer breiten Öffentlichkeit zuteil. Dabei zeigt sich, dass
Einzelne oder kleine Gruppen oft unlösbar erscheinenden
Problemen entgegentreten; sie handeln gemeinsam, mobilisieren
andere und bringen so den Stein im Interesse aller ins Rollen.
Der
Alternative Nobelpreis soll außerdem immer wieder Debatten über
unsere Wertvorstellungen und Ziele in Gang setzen. Er bringt
Menschen unterschiedlichster Interessen und Projekte zusammen,
stärkt sie und unterstützt ihre Ideen, um Zukunftsmodelle zu
formen und zu verwirklichen. Das sind jene, die sich für
soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte, für Frieden und Abrüstung,
für die Rechte von Minderheiten, für den Schutz der Umwelt
und für viele andere Aspekte menschlicher Entwicklung
einsetzen, angefangen von kultureller und geistiger Erneuerung
bis hin zu Wissenschaft und Technologie zum Nutzen der
gesamten Menschheit.
Sie
alle eint die Vision unteilbarer Humanität, die Verpflichtung
unseren Planeten zu bewahren und behutsam mit seinen
Ressourcen umzugehen, sowie eine Ethik, die Gerechtigkeit und
Nachhaltigkeit verpflichtet ist.
Wie
werden die Preisträger ausgesucht?
Jede/r
kann eine Person oder Organisation vorschlagen, deren Arbeit
er/sie kennt. Ein Informationsblatt mit Konditionen und
Nominierungsrichtlinien kann bei der Stiftung in Schweden
angefordert werden. Die eingegangenen Unterlagen werden überprüft
und, falls erforderlich, die Nominierten besucht. Die Berichte
über alle vorgeschlagenen Kandidaten werden der
internationalen Jury vorgelegt. Neue Nominierungen und jene
Nominierungen, die von der Jury aus ver-gangenen Jahren zwecks
weiterer Nachforschungen beibehalten wurden, werden gleich
behandelt. So können Kandidaten über mehrere Jahre auf der
Vorschlagsliste bleiben, bevor die Juroren ihre abschließende
Entscheidung treffen.
Die
Jurymitglieder wechseln kontinuierlich. Die derzeitigen
Mitglieder sind: Marianne Andersson, Frank Bracho, Paul Ekins,
Anuradha Mittal, Ahmedou Ouls-Abadallah, Vithal Rajan, Ursula
Schulz-Dornburg, Frank Schwalba-Hoth sowie David Krieger.
J80-11C
das
taz-gespräch
DREI
ALTERNATIVE NOBELPREISTRÄGER: DER KAPITALISMUS BRICHT ZUSAMMEN ...
... WIR WISSEN NUR NOCH NICHT, WANN
Der Finne Tapio
Mattlar, der Philippiner Nicanor Perlas, der Chilene Manfred
Max-Neef: Alternative Nobelpreisträger aus drei Kontinenten. Sie
trafen sich in München. Die taz fragte: Wie geht es weiter mit der
Globalisierung? Die Antwort: Die Welt ist auf die Zukunft nicht
vorbereitet
das
taz-gespräch
"Die Armen
sind kolossal kreativ"
MODERATION
REINER METZGER
taz:
Meine Herren, Konzerne werden zwar zunehmend als die
Verantwortlichen für die Auswüchse der Weltwirtschaft erkannt, können
aber offensichtlich alle von den ihren Kritikern verkündeten
Grenzen des Wachstums ignorieren. Stehen da Globalisierungskritiker
nicht machtlos vis-à-vis?
Nicanor
Perlas: Es stimmt, die Nationalstaaten haben ihre
Entscheidungsfindung an die transnationalen Konzerne abgeben. Diese
Konzentration der Macht ist allerdings nicht nachhaltig. Deshalb
wird das System zusammenbrechen.
Manfred
Max-Neef: Wir Ökonomen können sogar in der Theorie
beweisen, dass diese Macht zusammenbrechen muss - es ist allerdings
unmöglich, den genauen Zeitpunkt zu berechnen. Das System wird
entweder aus ökologischen oder aus finanziellen Gründen
kollabieren. Ich glaube, der finanzielle Kollaps wird zuerst kommen,
denn am Steuerruder sitzen nur die globalen Spekulanten - das ist
offensichtlich nicht nachhaltig.
Nicanor
Perlas: Das gegenwärtige System der Globalisierung muss
sich doch einigen wirklich großen Fragen stellen:
1.
Das Phänomen "big oil", die Abhängigkeit vom Öl. Wir
kommen bald zum Punkt, wo die Nachfrage größer wird als das
Angebot. Das wird ein großer Schock. Denn der Aufbau der
kapitalistischen Strukturen der vergangenen zweihundert Jahre
beruhte auf dem billigen Nachschub an Energie und Öl.
2.
Die globale Erwärmung. Sie kommt viel schneller, als die Leute
dachten. Das jetzige globale System ist aber auf der heutigen
Klimaverteilung aufgebaut.
3.
Zum ersten Mal erkennen die Massen, wer das Finanzsystem
kontrolliert und warum. Es gibt zunehmend Kritik - nicht nur in den
USA, sondern auch in Europa, Asien und Lateinamerika - gegenüber
dem Projekt des "Global Empire", des kapitalistischen
Weltreichs. Das ist wichtig, weil es einen sehr fruchtbaren Boden
bereitet. Es schafft Chaos im System, und ein chaotisches System ist
anfällig für Veränderungen. Dieses Wissen treibt diejenigen im
Untergrund an, die all die Alternativen schon erproben.
Manfred
Max-Neef: Wir bereiten uns nicht genügend auf den
kommenden Kollaps des Systems vor. Denn wenn es zusammenbricht,
werden wie immer die Armen die härtesten Konsequenzen tragen. Und
da ist auch Perlas' Punkt der Energie von größter Wichtigkeit:
Selbst wenn man alle alternativen Energien plus die Atomkraft
zusammennimmt, wird es nicht möglich sein, eine Weltwirtschaft zu
erhalten mit dem gegenwärtigen Megawatt-Verbrauch. Alle
Gesellschaften werden sich an einen geringeren Energieverbrauch
anpassen müssen. Das bedeutet: Sozialer, politischer und ökologischer
Wechsel ist absolut notwendig. Doch wir sind nicht darauf
vorbereitet, und es gibt auch keine Politik, um das zu entwickeln.
taz:
Wie
bereitet man sich, bitte schön, auf eine globale Krise vor?
Manfred
Max-Neef: Leider sind die Antiglobalisierungsbewegung und
all diese lokalen Gruppen nicht ausreichend fokussiert. Nehmen Sie
die großen Treffen wie in Porto Alegre. Da haben Sie 50.000 Leute,
jeder mit seiner eigenen Botschaft. Und die Summe des ganzen ist
null. Es ist lediglich eine Art psychologischer Befreiungsschlag.
Besser wäre es, die Bewegung würde sich auf ein oder zwei
grundlegende Themen konzentrieren. Nicht mehr. Bewegungen sind meist
sehr periodisch, ihr großer Schwung lässt auch schnell wieder
nach. Da verlieren sie nur Energie mit solchen Treffen …
taz:
Welche
Organisation könnte denn die weltweiten Graswurzelgruppen dazu
bringen, sich auf eine Prioritätenliste der abzuarbeitenden Themen
zu einigen?
Nicanor
Perlas: Es geht auch ohne die Art von Organisation, die für
die sozialen Bewegungen der vergangenen 200 Jahre charakteristisch
war. Es wird viel diskutiert in den Bewegungen über die
Eigenschaften von horizontalen Netzwerken, über Strategien. Es ist
aber ein Kampf mit der Zeit, eine Art Notsituation. Die neuen
sozialen Initiativen erwachsen aus sehr dezentralen Organisationen.
Die Frage ist: Wird sich ihre Kraft schnell genug entwickeln, um den
Kollaps des Systems auszugleichen? Noch dazu, wo der drohende
Kollaps die Unterdrückung erst mal verstärken wird.
Tapio
Mattlar: Die Situation in jedem Land ist natürlich
einzigartig, und ich will unser Rezept daher nicht jedem empfehlen.
Aber wir Finnen haben eine lange Tradition, über Autoritäten zu
lachen. Das hat viel geholfen. Wir lachen auch über Schlagworte wie
Globalisierung oder Kapitalismus. Wir denken frech, das wissen wir
besser. Wir versuchen die besten Teile der Globalisierung
anzunehmen, und den Rest lassen wir weg. So verdienen zum Beispiel
die Bauern jetzt weniger als früher, wegen des Weltagrarmarkts und
wohl auch wegen der Klimaveränderungen. Aber wir nutzen jetzt auf
dem Land Internet, Mobiltelefon und so weiter. Dadurch sind viele
neue Arbeitsmöglichkeiten auf das Land gekommen. Die Leute müssen
nicht in die Stadt gehen, um ihr Brot zu verdienen.
Nicanor
Perlas: Haben Sie in Finnland staatliche Programme, um
den Dörfern zu helfen?
Tapio
Mattlar: Solche Programme haben wir, auch von der Europäischen
Union. Aber unsere Dorfinitiativen sind eine echte
Graswurzelbewegung. Sie wurden gestartet ohne Staat. Auf lokaler
Ebene funktionieren sie sogar gegen den Staat: Die größten Feinde
der Eigeninitiative sind oft die mächtigen Verwaltungen vor Ort.
Trotzdem gibt es in 3.900 Dörfern nun ein Dorfkomitee, das sich um
Gemeinschaftsarbeiten und Kultur kümmert. Und wir haben nur 4.000 Dörfer
in Finnland. Das Wichtigste auf dem Land in Finnland aber ist: Die
Leute leben halb außerhalb der modernen Welt. Zum Glück. Wir
brauchen zum Beispiel sehr viel Energie in Finnland, weil es so kalt
ist. Aber wir in den Dörfern sind überhaupt nicht verbunden mit
dem Energiesystem der Welt. Wir heizen mit Holz aus unserem eigenen
Wald.
taz:
In
Deutschland schätzen auch viele Menschen das Leben auf dem Land.
Und auch sie würden gern in ihrer Heimatregion bleiben. Aber sie
sagen: Hier gibt es keine Jobs. Wir müssen wegziehen.
Manfred
Max-Neef: Diese Menschen denken in der Kategorie von abhängiger
Beschäftigung, von Anstellung, von Jobs, nicht in der Kategorie
Arbeit. Das passiert in vielen Ländern. Und das Schlechteste dabei
ist: Da wo die Leute hinziehen, gibt es auch keine Jobs. Sie ziehen
weg für eine Anstellung, die es gar nicht gibt. Wir müssen die
Arbeit wieder neu erfinden. Wir brauchen wieder mehr Arbeit statt
Anstellung.
Tapio
Mattlar: Es gibt auch auf dem Land in Finnland nicht
viele Jobs. Es gibt jedoch andere Wege, um zu überleben, als für
jemanden zu arbeiten. Du kannst für dich selbst arbeiten oder deine
eigene Firma oder Farm haben. Dafür braucht man wenig Geld. Als ich
1980 von der Stadt aufs Land gezogen bin, hat mein
35-Hektar-Bauernhof samt großem Haus und Anteil an einem See
weniger gekostet als eine Dreizimmerwohnung in Helsinki.
taz:
Schön
und gut. Aber irgendetwas muss man auch an die Außenwelt verkaufen,
um die von dort bezogenen Produkte zu bezahlen. Was ist das in Ihrem
Fall?
Tapio
Mattlar: Da gibt es so viele Wege. Wir hatten unlängst
eine Kampagne, um noch mehr Leute für das Land zu interessieren.
Wir haben eine Anzeige geschaltet und auf leer stehende Höfe in
unserer Gegend hingewiesen. Es meldeten sich viele Leute. Von jedem
wollten wir wissen, wie er seinen Lebensunterhalt zu bestreiten
gedenkt. Da kamen viele tolle Ideen: Einer wollte Funkgeräte für
Kinder bauen, der Nächste alte finnische Autos nach Russland
exportieren, jemand anderes Brautkleider nähen. Für all diese
Sachen müssen sie nicht in der Stadt wohnen.
Manfred
Max-Neef: Das sage ich ja: Arbeit wieder erfinden,
anstatt nur angestellt zu sein. In den sprichwörtlichen guten alten
Zeiten gab es keine Arbeitslosigkeit. Arbeitslosigkeit ist eine
Erfindung der industriellen Revolution. Die Frage ist: Was kann
davon wieder entdeckt und an die heutige Zeit angepasst werden? Was
war die Struktur, die es damals ermöglicht hat, dass alle Arbeit
fanden? Manche Arbeit damals war natürlich schlecht. Aber derzeit
haben wir mehr als eine Milliarde Menschen, die von weniger als
einem Dollar pro Tag leben müssen. Das ist doch verstörend in
einer Welt, in der die Ressourcen im Überfluss genutzt werden.
taz:
Kann
denn so etwas wie die finnische "Dörferbewegung" auch in
anderen
Ländern funktionieren?
Nicanor
Perlas: Ja, auf eine andere Weise. Es gibt auf den
Philippinen und in anderen Ländern Asiens ein weit verbreitetes
System von Mikrofinanzierung für Arme, von Kleinstkrediten über
wenige Dollar. Die Hälfte der philippinischen Wirtschaft ist
informell, taucht also in irgendwelchen Bilanzen überhaupt nicht
auf. Wir organisieren die Wirtschaft der Armen ganz anders. Wir
leihen nicht nur Geld, wir verbinden auch die einzelnen Kleinbanken.
Wir schaffen ein sich selbst erhaltendes System für die
Genossenschaften, anstatt eine kleine Version des Kapitalismus
nachzubauen.
Manfred
Max-Neef: Ein Merkmal der Armen ist, dass sie
kolossal kreativ sind. Wir haben in Chile die Wirtschaft der Armen
erforscht und klassifizierten allein in einer Stadt über 200 Arten
von Überlebensjobs. Fantastische Sachen. Aber diese Dinge genießen
keinerlei Unterstützung vom Staat. Der erste Schritt müsste doch
sein: hinausgehen und sehen, was da an Kreativität da ist. Und dann
diese existierende Kreativität unterstützen. Und nicht in einem
Ministeriumsbüro ein Programm für die Schöpfung von Jobs
aushecken. Eine Eigenschaft von Leuten, die über Armut reden, ist
leider, dass sie Armut nicht verstanden haben und was das bedeutet.
Sie werden sie erst verstanden haben, wenn sie arm waren oder
zumindest mit den Armen gelebt haben. Wenn Sie im Dreck stehen, von
Angesicht zu Angesicht mit dem sprichwörtlichen José Lopez - er
hat keine Arbeit, fünf Kinder, ist arm und hungrig -, wollen Sie
ihm dann sagen: "José, du solltest froh sein, das
Bruttosozialprodukt wächst um fünf Prozent?" Nach den
Ergebnissen der herkömmlichen Volkswirte brauchen sie José übrigens
gar nichts zu sagen - ökonomisch gerechnet müssten theoretisch
alle Armen längst tot sein.
taz: Das
klingt nach Galgenhumor: Die armen Länder sind gegen weltweite
Wirtschaftsschocks besser gerüstet, weil dort viele Menschen
notgedrungen unabhängiger von der Weltwirtschaft überleben?
Nicanor
Perlas: Ja.
Manfred
Max-Neef: Aber trotzdem brauchen wir eine Hängematte,
in die wir bei einer Krise fallen können. Und wir haben keine
ausreichende Hängematte zur Zeit.
taz: Aber
was ist, wenn die großen Firmen wirklich in Schwierigkeiten kommen?
Sie sind immerhin sehr effektive Maschinerien, die Waren günstig
herstellen und vertreiben. Kommen wir ohne ihre Güter überhaupt
noch aus?
Manfred
Max-Neef: Ich würde eher fragen: Müssen wir
wirklich mit denen untergehen? Was die treiben, ist manchmal einfach
unausstehlich. Nehmen sie zum Beispiel das neue Saatgutgesetz der
US-Verwaltung für den Irak: Alle Bauern im Irak sind demnach
gezwungen, ihr Saatgut zu verbrennen. Sie dürfen Saatgut nur noch
beim US-Konzern Monsanto kaufen. Das steht wörtlich so im Gesetz.
Und das bringt Monsanto einen Schritt näher an sein
Unternehmensziel: Monsanto hat nämlich den bescheidenen Anspruch
formuliert, in 20 Jahren den Weltmarkt für Saatgut zu 100 Prozent
zu beherrschen. Das ist alles, nur 100 Prozent. Die arbeiten daran,
und viele bemerken es nicht.
taz: Also
Widerstand leisten?
Nicanor
Perlas: Die Zivilgesellschaft hat eine gewisse
Prominenz erlangt durch ihren Widerstand gegen viele Auswüchse.
Aber Widerstand allein kann keine andere Welt erschaffen.
Manfred
Max-Neef: Die Konzerne mit ihren Mitteln schlagen,
geht nicht. Du kannst nicht gegen ein Nashorn kämpfen, wenn du
nicht selbst ein Nashorn bist.
Nicanor
Perlas: Wir müssen nun identifizieren, wo die großen
Lösungen liegen und wo sie schon verwirklicht sind von den vielen
zehntausend Aktiven überall auf der Welt. Das ist bisher zu lokal.
Der nächste Schritt - und das ist wirklich die Herausforderung für
die weltweite Zivilgesellschaft - wird sein, dieser Kreativität
einen Schub zu verleihen, damit die Kräfte zusammenkommen und sich
gegenseitig verstärken zur Veränderung der Gesellschaften. Das ist
meiner Meinung nach das Wichtigste. Es kann auch auf internationalem
Niveau passieren. Es ist nicht unmöglich, denn das Bewusstsein ist
jetzt da.
taz
Nr. 7613 vom 12.3.2005, Seite 4-5, 341 Zeilen (Interview), REINER
METZGER
Der
Vernetzte
Nicanor
Perlas (Jahrgang 1950) ist einer der bekanntesten
Globalisierungskritiker aus der Dritten Welt. Er studierte
Agrarwissenschaften. Wegen seiner Antiatomarbeit musste er 1978 die Philippinen
verlassen. Nach dem Ende des Marcos-Regimes kehrte Perlas zurück
und gründete diverse Gruppen und Institute mit. Rund um sein Center
for Development Alternatives (www.cadi.ph)
entstehen Verfahren für eine umweltgerechtere
Landwirtschaft und eine nachhaltige Entwicklung. Solchen
Initiativen ist es zu verdanken, dass die Philippinen ein weltweites
Musterland bei der Umsetzung der lokalen Agenda 21 sind. 2003
erhielt er den alternativen Nobelpreis. Wichtig sind ihm
auch die ethischen Grundlagen der derzeitigen Krise des Systems.
Unter den sieben Faktoren, die es bei der Entwicklung lokaler
Vorhaben zu berücksichtigen gilt, nennt er angesichts der
Religiosität der philippinischen Gesellschaft auch die Spiritualität.
REM
Der
Retter der Dörfer
Tapio
Mattlar, Landwirt und Organisator, ist ein Repräsentant des
nationalen Dachverbands der finnischen
"Dorfaktionskomitees". Ende der
60er-Jahre wurden die Dörfer in Finnland totgesagt - zu abgelegen
von der modernen Welt, so die Diagnose. Doch die Dörfler
"weigerten sich einfach zu sterben", wie sie heute stolz
von sich sagen können. Eine enorme Bewegung von
Dorfaktionskomitees, finnisch Kylatoiminta genannt, entstand. Diese
Gruppen organisieren nicht nur die traditionelle
Nachbarschaftshilfe, sondern auch das
kulturelle Leben. Manche Dörfler sprechen auch vom
"konkreten Utopia". Die Bevölkerung in den Weiten
Finnlands nimmt seitdem wieder zu. "Wir
weigern uns, die ökonomischen Werte über die Lebensqualität zu
stellen",
sagt Mattlar. "Und wir hoffen, für andere ein ermutigendes
Beispiel zu sein." Die
Bewegung erhielt 1992den alternativen Nobelpreis.
www.village-action.fi
REM
taz
- die tageszeitung
ORF-Salzburg
15.05.05
"Mehr
Weisheit für die Wissenschaften"
76 Träger der Alternativen Nobelpreise kommen im Juni nach Salzburg.
Arbeit, Kultur, Menschenwürde und die herkömmlichen Wissenschaften werden
dabei kritisch unter die Lupe genommen.
Arbeitswelten
im Mittelpunkt
Die Wissenschafter, Projektgründer, Techniker und Betreiber sozialer
Innovationen aus vielen Weltgegenden werden bei dem Veranstaltungsmarathon
beraten, diskutieren und die Begegnung mit der Salzburger Bevölkerung
suchen. Wie Menschen vieler anderer Regionen leidet diese zunehmend unter
sozialer Unsicherheit und Arbeitslosigkeit.
Meetings und Workshops stehen deshalb unter dem Titel "Alternativen,
die sich rechnen". Anlass ist das 25-Jahr-Jubiläum Alternativer
Nobelpreise, die Jakob von Üexküll gestiftet hat und die mit Leopold Kohr
und Robert Jungk gleich zwei Salzburgern verliehen wurden. Beide sind
verstorben.
Auf Spuren von Kohr und Jungk
Bei der Jubiläumstagung werden Preisträger nicht nur unter sich bleiben.
Sie werden von lokalen Initiativen zu Begegnungen mit der Bevölkerung und
Diskussionen eingeladen. Für Ole von Üexküll, den Neffen des Stifters und
Mitorganisator des Treffens, ist das eine Neuheit:
"Die
Preisträger in dieser Form zusammenzubringen, das hat es bisher weltweit
noch nicht gegeben. Es ist eine gewaltige organisatorische Leistung, die
hier von Salzburgern durchgezogen wurde. Es ist toll, dass die Menschen
nun nicht nur zur Konferenz kommen sondern die Konferenz zu den Menschen
hinausgeht."
"Konferenz
geht hinaus zur Bevölkerung"
Der vom jungen Üexküll angesprochene Jean
Marie Krier arbeitet in Salzburg für das Klimabündnis und hofft auf eine
nachhaltige Wirkung des Versuchs:
"Wenn
wir die Bevölkerung motivieren können, dass sie Ideen und Visionen
entwickelt, die Bedeutung für Arbeitswelt und Umwelt haben, dann
erreichen wir das Ziel dieses internationalen Treffens."
Brückenschlag
zur regionalen Wirtschaft
Und der grüne Gewerkschafter Robert Müllner
ist neben dem Kulturmanager und früheren Stadtpolitiker Alfred Winter (ÖVP)
und einem bunten Team einer der Haupt-Initiatoren des Projektes. Müllner
hofft, dass Salzburg nun als Region positioniert werden kann, in der nicht
nur diskutiert oder gejammert werde:
"Salzburg könnte ein Ort zur internationalen Orientierung werden, wo
man sich bemüht, gleich praktikable Lösungen zu finden."
Globalisierungskritik
In Salzburg haben seit den Turbulenzen beim umstrittenen World Economic
Forum die Alternativen auch Mitstreiter in der Salzburger Wirtschaft - für
eine Zukunft mit mehr Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit.
Der neue Wirtschaftskammerpräsident Julius Schmalz engagiert sich seither
auch bei Diskussionen über die Gefahren durch Globalisierung und ungezügelten
Wirtschaftsliberalismus.
Gegen
Betriebsblindheit der Wissenschafter
Offizieller Text des Landes Salzburg zur Einladung der Bevölkerung und
Gelehrten:
"Salzburg bietet sich erneut als Zentrum für Ideen, Stätte der
Kultur, als Ort der Begegnung und der Auseinandersetzung mit Zukunftsthemen
an.
Dass Visionen und Ideen in konkrete Initiativen zum Wohle der Menschen
umgesetzt werden können, haben Träger der Alternativen Nobelpreise oft
unter schwierigsten Bedingungen mit einer Vielzahl von Projekten gezeigt.
Der Alternative Nobelpreis soll nach Worten seines Gründers Jakob von Uexküll
dem industrialisierten Norden helfen, eine Weisheit zu finden, die seiner
Wissenschaft gleich kommt ..."
"...
Und dem Süden solle er helfen, eine Wissenschaft zu erlangen, die sich
mit alten Weisheiten messen kann."
Leben
& Werk von Leopold Kohr
Der Austro-Amerikaner und gebürtige Salzburger Leopold Kohr - Ökonom,
Politikwissenschafter, Jurist und Journalist - war neben dem
Zukunftsforscher und Wahlsalzburger Robert Jungk der einzige Österreicher,
der den Alternativen Nobelpreis erhielt.
Kohr gilt als Schöpfer des international bekannten Slogans "Small is
beautiful", der eigentlich populistischer Titel eines Buches war und
von Kohrs Schüler Fritz Schumacher 1973 in Großbritannien erstmals
verwendet wurde, einem Ökonomen.
Gegen Landflucht und Zentralismus
Im Sinne von Kohrs Vorschlägen würde besser passen: "Small is
powerful". Er lieferte - teils durch empirische Methoden abgestützt -
eine Theorie zur Erhaltung regionaler Strukturen - unabhängig von
ethnischen Zugehörigkeiten.
Kohr wurde für viele "Grassroot Movements" zum Schutzpatron im
Kampf gegen Landflucht und gegen die Ausbeutung ländlicher Räume durch große
Machtzentren.
Salzburger
Nachrichten 09. Juni 2005
Gleich
mehrere Träger des Alternativen Nobelpreises sind am Freitag, 10. Juni, zu
Gast im Pongau. Dazu finden drei Diskussionen vor Publikum statt
St.
Johann / Goldegg / Bischofshofen. Derzeit findet die Konferenz Alternativer
Nobelpreisträger in Salzburg statt. Um die Preisträger auch dem Publikum
im Land Salzburg näher zu bringen, wurden Veranstaltungen in den einzelnen
Bezirken organisiert.
Jury-Mitglied
kommt nach St. Johann So gibt es etwa in St. Johann um 20 Uhr im
Kongresshaus am Dom einen Gesprächsabend mit zwei Preisträgern aus Indien
und einem US-amerikanischen Jury-Mitglied des "Right Livelihood Award"
- so die englische Bezeichnung für den Alternativen Nobelpreis.
Unter
dem Thema "Frieden braucht Voraussetzungen" informieren über ihre
Arbeit Hannumappa R. Sudarshan, er engagiert sich seit Jahrzehnten für die
Überwindung von Armut und mangelnder Bildung sowie für die Rechte des
Solinga, einem kleinen indischen Volk; Sonam Dawa, seine Organisation setzt
sich für die Erhaltung der Kultur und für Entwicklungsprojekte in Ladakh
ein; und Anuradha Mittal, sie ist Jurymitglied und Leiterin der Kampagne
"America needs human rights".
Bischofshofen:
Tschernobyl-Aufdeckerin In Bischofshofen können Interessierte um 19 Uhr im
Kultursaal Bischofshofen mit Alla Jaronshinskaja diskutieren.
Sie
stammt aus der Ukraine, ist Journalistin und Politikerin und erhielt 1992
den Alternativen Nobelpreis für ihre journalistische Tätigkeit rund um die
Tschernobyl-Katastrophe.
Sie
deckte die Lügen und zurückgehaltenen Daten der sowjetischen Behörden
auf. In der Glasnost-Periode wurde sie als Abgeordnete in den obersten
Sowjet gewählt und fungierte nach dem Zusammenbruch der UdSSR als Beraterin
von Boris Jelzin.
Am
Vormittag ist sie im Privatgymnasium St. Rupert zu Besuch. Dabei werden auch
Klassen der Bischofshofener Hauptschulen teilnehmen.
Der
Kulturverein Schloss Goldegg kann am Freitag zwei Preisträger aus Ungarn
begrüßen: Judit Vasarhelyi kommt als Vertreterin der Widerstandsbewegung
"Duna Kör", die sich gegen ein umstrittenes Staudamm-Projekt an
der Donau einsetzte und dafür den Alternativen Nobelpreis erhielt.
Ungarische
Preisträger in Goldegg Um 20 Uhr wird sie gemeinsam mit Andras Biro - er
erhielt die Auszeichnung für seinen Kampf um die Rechte der Roma und Sinti
in Ungarn - an einem Gesprächsabend im Schloss Goldegg teilnehmen.
©
SN
Salzburger
Nachrichten 09. Juni 2005
Jetzt
handeln statt nachdenken
Die
Konferenz der Träger des Alternativen Nobelpreises soll neue Initiativen für
die Welt bringen
ursula
kastlersalzburg (SN). Manfred Max-Neef aus Chile, Träger des Alternativen
Nobelpreises 1983, schmunzelte und erzählte dann seine persönliche
Geschichte: "Damit Sie wissen, warum ich bin, was ich bin. Der Ursprung
von allem war Johannes Brahms. Ich habe Ökonomie studiert und als ich
fertig war, nahm ich ein Angebot von Shell an. Bald konnte ich mir einen
guten Musikapparat leisten und eines Abends habe ich mich hingesetzt und die
Erste Symphonie von Brahms gehört. Im zweiten Satz gibt es ein langsames
Thema und plötzlich hörte ich die Frage daraus: ,Was machst Du mit Deinem
Leben?´ Ich habe mich als großen Mann bei Shell gesehen, aber ich wusste
in dem Moment, das bin ich nicht."
Max-Neef
verließ den Konzern und fing in den Armutsvierteln von Lateinamerika sein
Leben neu an. "Daher kommt meine Barfuß-Ökonomie. Wenn man im Schlamm
steht und mit einem Mann redet, der hungert, fünf Kinder hat und keine
Arbeit, dann ist man mit der herkömmlichen Ökonomielehre fehl am
Platz." Was er von diesen Menschen gelernt habe, sei
"kolossal" gewesen: "Die Armen sind - um zu überleben - die
kreativsten Menschen. Diese Kreativität muss stimuliert werden, aber
niemand fragt die Leute."
Die
Welt mit anderen Augen sehen: Das ist ein Grundthema, um dessentwillen sich
dieser Tage in Salzburg 75 Alternative Nobelpreisträger treffen. Jakob von
Uexküll, Stifter und Gründer der "Right Livelihood Foundation",
machte Mittwoch in Salzburg darauf aufmerksam, "dass es jetzt Zeit ist,
vom Nachdenken zum Handeln überzugehen. Die Menschen haben durch unsere
Arbeit Hoffnung bekommen. Regional hat sie etliches verändert, doch die
Situation der Welt hat sich nicht verbessert".
Peter
Braun, "Hausherr" von St. Virgil freute sich über das rege
Interesse der Salzburger an den Preisträgern: "Am Samstag, 11. Juni,
bietet sich ab 11.00 Uhr in St. Virgil die einzigartige Gelegenheit, mit den
Preisträgern über die Herausforderungen der Gegenwart zu sprechen."
500 Anmeldungen sind bereits eingegangen.
Sonntagabend
bittet Reinhold Wagnleitner, wissenschaftlicher Beirat der
Leopold-Kohr-Akademie, zum "Akademischen Wirtshaus" mit Preisträgern
und Wegbegleitern von Kohr (17.00 bis 20.00 Uhr, Gasthof Maria Plain).
Lesetipp: Rechtzeitig zur Konferenz erschienen ist das Buch "Vorbilder
- Menschen und Projekte, die uns hoffen lassen. Der Alternative
Nobelpreis" von Jürgen Streich. 400 S., Kamphausen Verlag 2005.
©
SN
Salzburger
Nachrichten 09. Juni 2005
Nobelpreisträger
im Lungau
Im
Hiasnhof in Göriach diskutieren am Freitag, 10. Juni, ab 10.30 Uhr
alternative Nobelpreisträger über die Sorgen dieser Welt.
tamsweg/Göriach.
"Tag der Begegnung" nennt sich der Aktionsschwerpunkt der
Organisation "Alternativer Nobelpreis", der eine ganze Reihe von
Preisträgern in die Salzburger Regionen reisen lässt. Auch in den Lungau.
Seit
nunmehr 25 Jahren wird der von Jakob von Uexküll geschaffene Alternative
Nobelpreis ("Right Livelihood Award") an Menschen und
Institutionen verliehen, die sich um eine "andere", das heißt
gerechtere, umweltfreundlichere und friedlichere Zukunft bemühen.
Jubiläumstreffenin
Salzburg Anlässlich dieses Jubiläums kommen die meisten der Preisträgerinnen
und Preisträger vom 8. bis 13. Juni in Salzburg zusammen. Das Treffen wird
zuallererst dem Erfahrungsaustausch der Alternativnobelpreisträger
untereinander dienen. Daneben aber wird den Salzburgern in Stadt und Land
auch die Möglichkeit geboten, mit dem ein oder anderen Preisträger ins
Gespräch zu kommen.
So
werden am 10 Juni, dem "Tag der Begegnung", die
Alternativnobelpreisträger ausströmen und an Veranstaltungen im ganzen
Bundesland teilnehmen.
Die
Lungauer erwarten an diesem Tag Lara Lutzenberger, die Tochter des
brasilianischen Umweltpioniers José Lutzenberger, Helena Norberg-Hodge, Kämpferin
für eigenständige Regionalentwicklung und gegen Globalisierung, sowie
Sithembiso Nyoni von ORAP, einer afrikanischen Organisation, die sich um
regionale Selbstverwaltung bemüht.
Zahlreiche
Lungauer Institutionen und Vereine stehen hinter diesem Treffen:
Ernte-Verband Salzburg, Frauennetzwerk Lungau, Gemeinde Göriach,
Katholisches Bildungswerk, Lungauer Kulturvereinigung, Salzburger
Bildungswerk, "Slow Food Lungau" sowie viele engagierte
Privatpersonen.
Die
Teilnehmer werden mit den Preisträgern über die Gemeinsamkeiten in der
Situation und den Problemen der ländlich-peripheren Regionen des Nordens
und des Südens reden. Und nachfragen, inwieweit es gemeinsame Lösungen für
globale Probleme wie Landflucht, Umweltzerstörung oder Bauernsterben gibt.
Über
die Problemeländlicher Regionen Dabei sollen die Möglichkeit und
Notwendigkeit regionaler Selbstbestimmung thematisiert werden. Und schließlich
soll auch der Frage nachgespürt werden, ob es spezifisch weibliche
Antworten auf die Probleme der Zeit gibt.
Der
Eintritt zu dieser Veranstaltung am Freitag, 10. Juni (10.30 Uhr), im
Hiasnhof ist frei. Für das leibliche Wohl sorgen die Lungauer Biobauern.
©
SN
ORF-Salzburg
11.06.05
Tschernobyl-Aufdeckerin
in Bischofshofen
Dutzende Träger des Alternativen Nobelpreises sind nun im Land Salzburg
unterwegs, um im Kontakt mit der Bevölkerung ihre Ideen, Vorschläge und
Anliegen zu präsentieren und zu diskutieren.
Tuchfühlung
mit Salzburgern
In Bischofshofen beispielsweise hat Alla Jaroschinskaja,
Alternativnobelpreisträgerin, freie Journalistin und ehemalige Politikerin,
über die Hintergründe der atomaren Katastrophe im Kernkraftwerk
Tschernobyl berichtet - vor Schülern.
Am Freitagabend hielt sie noch einen Vortrag im Stadtsaal von Bischofshofen
und diskutierte mit der Bevölkerung.
Die Reporterin aus der Ukraine hatte damals mit der Veröffentlichung der
Protokolle alle Vertuschungsversuche der Regierung nach der Explosion im
April 1986 verhindert und großes öffentliches Interesse in der damaligen
Sowjetunion hervorgerufen.
Lügen
der Behörden ans Licht gebracht
Jaroschinskaja hatte die Lügen und die zurückgehaltenen Messdaten der
damals noch sowjetischen Behörden schonungslos an die Öffentlichkeit
gebracht.
Im Privatgymnasium St. Rupert auf dem Kreuzberg in Bischofshofen richtet
die Ukrainerin eindringliche Worte an die Jugend. Schüler sind ihr
besonders wichtig:
"Es ist mir ein Anliegen die Jugend zu erreichen. Denn nächstes Jahr
ist es 20 Jahre her, dass diese größte Katastrophe aller Zeiten
geschehen ist.
Seither versuchen die Menschen das zu verdrängen, doch neun Millionen
leiden noch immer unter den Spätfolgen der Verstrahlung.
Das zu wissen ist für die Jugend in westlichen Ländern sehr wichtig.
Denn für sie ist Tschernobyl in erster Linie ein geschichtliches
Ereignis, das kaum etwas mit der Gegenwart zu tun habe."
"Österreich
- mein Lieblingsland"
Man müsse aus solchen Ereignissen für alle Zukunft lernen. Niemals könne
da ein Schlussstrich gezogen werden, sagt die Journalistin.
Sie bezeichnet Österreich als ihr Lieblingsland, auch weil sich die Bevölkerung
gegen die Nutzung atomarer Energie ausgesprochen hat:
"Große
Tat vollbracht"
"Österreich hat eine Pionierleistung für die Weltgemeinschaft damit
erbracht. Jeder, der die Gefahren kennt, gratuliert Ihnen zu dieser
Entscheidung damals.
Das Nein zur Atomenergie ist eine große Tat. Österreich ist ein Beispiel
in der Welt dafür, dass man diese Systeme und ihre Vertreter stoppen
kann."
ORF-Salzburg
11.06.05
Alternative
Nobelpreisträger als Schützenhilfe
Die Gemeindepolitiker in Mittersill (Pinzgau) bemühen sich im Kampf um die
Erhaltung des Krankenhauses um jede Unterstützung. So haben sie
Freitagabend zwei alternative Nobelpreisträger eingeladen, die mit
regionalen Entwicklungsprojekten bekannt wurden.
Mattlar:
"Konzentration im Abklingen"
Der Engländer John Turner und der Finne
Tapio Mattlar waren die Ehrengäste in Mittersill. Gemeindepolitiker
zeigten ihnen die Schulen, das touristische Angebot und vor allem die
medizinische Versorgung in Form des Krankenhauses in der größten
Gemeinde des Oberpinzgaus.
Der gelernte Musiker Mattlar hat eine große Selbsthilfebewegung zur
Sicherung der ländlichen Infrastruktur in Finnland initiert: "Ich
denke, die Zeiten der Konzentration sind in Finnland im Abklingen",
sagt Mattlar, "Es beginnt jetzt eine Phase, in der das ländliche
Leben voll respektiert und auch wieder unterstützt wird."
Abhängigkeit
von zentralen Institutionen
Nach dem Besuch kamen auch von John Turner warnende Worte. Er hat als Städteplaner
in Peru funktionierende Siedlungen für Obdachlose aufgebaut.
"Ich habe eine universelle Lektion gelernt, die in Peru wie hier
gilt", sagt der alternative Nobelpreisträger, "In unserer
modernen Welt sind wir schon viel zu abhängig geworden - abhängig von
zentralen Institutionen und staatlichen Einrichten - und natürlich auch
von global gesteuerter Industrie."
Besuch
"gibt Kraft"
Für
Mittersills Vizebürgermeister Roman Oberlechner (SPÖ) war das Besuch ein
Motivationsschub: "Es gibt Kraft, wenn man sieht, dass eine
Dorferneuerungsbewegung in Finnland jetzt sehr stark von der EU
profitiert. Es wird so sein müssen, dass die Region nach wie vor zu
diesem Haus steht beziehungsweise die Bevölkerung dem Haus den Rücken stärkt."
Mehr als 6.000 Oberpinzgauer haben für den uneingeschränkten
Weiterbestand des Mittersiller Krankenhaus unterschrieben. Nahezu 70
Prozent aller Leistungen sollen nach den Einsparungsplänen an Zell am See
abgegeben werden.
Salzburger
Nachrichten 11. Juni 2005
Der
Standpunkt: Hoffnungsvolle Ideen für eine bessere Welt
HELMUT
L. MÜLLER
Es
war eine faszinierende Begegnung mit Denkern und Aktivisten aus der ganzen
Welt. Beim Jubiläumstreffen der Alternativen Nobelpreisträger konnten die
Menschen in Stadt und Land Salzburg erleben, wie viele gute, praktikable
Ideen für eine bessere Welt es gibt. Unser geschundener Planet hätte diese
Medizin bitter nötig. Die rasante Destabilisierung des globalen Klimas ist
ein Stichwort, das wachsende Gefälle zwischen Arm und Reich ein anderes.
Doch noch mangelt es an der Umsetzung der sehr konkreten Utopien.
Zwar
hat der vor 25 Jahren begründete Alternative Nobelpreis längst die
verdiente Anerkennung gefunden. Nichts unterstreicht diese Aufwertung
deutlicher als die Tatsache, dass Wangari Maathai 2004 den
Friedensnobelpreis erhielt, nachdem die Umweltpolitikerin aus Kenia 20 Jahre
zuvor schon mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden war. Die
Initiativen der "Alternativen" haben in einzelnen Weltregionen die
Dinge bereits verändert; ihre Modelle werden inzwischen vielfach auf
anderen Kontinenten nachgeahmt. Doch die große Welt-Wende ist bisher nicht
gelungen.
Denn
nach wie vor setzen wir in unserem Denken falsche Prioritäten. Die
Machthaber finden noch mit jeder Nichtigkeit enormes Echo. Projekten von Bürgern
aber, die zum Nutzen der Menschheit sind, bleibt oft die Publizität
versagt. Es ist ein Trugschluss, dass die Erste Welt die Rezepte für die Lösung
der Weltprobleme in der Hand hält - trotz der Irrwege einer
umweltfressenden Industrialisierung und einer schrankenlosen Globalisierung.
Tatsächlich aber verfügen die Länder des Südens über andere, gangbare
Wege und viel Weisheit.
Für
eine Umkehr der Weltgesellschaft wäre eine Reform der internationalen
Institutionen vonnöten. Aber dieser Prozess ist langwierig, wie die quälende
Debatte in der UNO zeigt. Zu viel ist davon nicht zu erwarten - schon
deswegen nicht, weil jede grundlegende Veränderung blockiert wird durch
Washington, das sogar den minimalsten Machtverlust scheut. Politische
Parteien, etwa in Europa, haben stark an Glaubwürdigkeit eingebüßt.
Demokratisch gewählte Politiker haben einen zu kurzen Zeithorizont, weil
sie stets an den nächsten Wahltermin denken. Kurzfristiges
Wirtschaftsdenken dominiert, weil etwa der US-Präsident mit seiner Politik
die Wahlkampfspenden mächtiger Interessengruppen zurückzuzahlen hat.
Hoffnung
auf einen "Paradigmenwechsel" wecken in erster Linie Initiativen
"von unten" - sofern sie ihre Kräfte bündeln und Verbündete in
den Medien gewinnen. Es fehle eine "Lobby für die Zukunft", sagt
Jakob von Uexküll, der Stifter des Alternativen Nobelpreises. Der von ihm
angeregte "Weltzukunftsrat" könnte diese Rolle spielen. Salzburg,
die Stadt von Robert Jungk und Leopold Kohr, darf sich glücklich schätzen,
Teil dieser globalen Zukunftswerkstätte zu sein.
©
SN.
Salzburger
Nachrichten 11. Juni 2005
ZUKUNFTSRAT
Lobby
für Ideen
"Es
fehlt eine Lobby für die Zukunft, für gute Ideen," sagt Jakob von
Uexküll. Wir brauchten heute eine längerfristige Perspektive, und wir
brauchten eine glaubwürdige Institution, die sie vertrete.
Der
Gründer des Alternativen Nobelpreises hat deshalb die Bildung eines
Weltzukunftsrates vorgeschlagen. "Er soll ein Rat der Weisen, der
Pioniere und der Jugend (leaders of tomorrow) sein," erläutert Uexküll
im SN-Gespräch.
Rat
der "Weltbürger"
Für
den "World Future Council" kommen natürlich Träger des
Alternativen Nobelpreises, aber auch andere Persönlichkeiten in Frage. Die
100 bis 120 Mitglieder des Rates sollen von 24 kleinen Expertengruppen zu
den wichtigsten globalen Themen unterstützt werden.
Die
"Weltbürger" des Rates sollen die Anregungen der Ausschüsse
aufgreifen, veröffentlichen und mit ihrer moralischen Macht unterstützen.
Anhörungen (hearings) wird es nach den Plänen von Uexküll ebenso geben
wie Kampagne-Aufrufe (action alert), um die Öffentlichkeit für die Sache
zu mobilisieren. Schließlich will der Zukunftsrat zusammen mit
demokratischen Abgeordneten weltweit dafür sorgen, dass die Vorschläge in
die nationalen Parlamente eingebracht und als Gesetzesvorlagen formuliert
werden.
Stimme
der Zukunft
Jakob
von Uexküll ist dafür, dass sich auch auf lokaler, regionaler und
nationaler Ebene Zukunftsräte bilden. Diese könnten, wie offenbar in der
Schweiz schon vorgesehen ist, verfassungsmäßige Gremien werden, die sich
nur mit qualifizierter Mehrheit überstimmen ließen. "Damit gibt man
der Zukunft wirklich eine formale, verfassungsmäßige Stimme," sagt
Uexküll, "ohne allerdings ein Zukunftsveto zu schaffen". Denn das
wäre in einer Demokratie nicht machbar.
Viele
der Themen, welche die Zukunftsräte beschäftigen sollen, haben die
Arbeitsgruppen des Salzburger Treffens vorgegeben. Sie reichten von
"Frieden und Sicherheit für alle" über "nachhaltiges
Leben" bis zum Naturschutz und zum "neuen Wirtschaften".
Jakob
von Uexküll wünscht sich eine Welt, "in der es eine Vielfalt von
Alternativen gibt - statt nur einer." mü
©
SN.
Salzburger
Nachrichten 11. Juni 2005
Gegen
die Markt-Macht
Die
Globalisierung schadet Mensch und Natur. Sie muss dringend geändert werden.
Das sagen die Alternativen Nobelpreisträger bei ihrem Treffen in Salzburg.
HELMUT
L. MÜLLERSALZBURG (SN). Das südindische Kerala hat ein Entwicklungsmodell
etabliert, das wirklich funktioniert für die Armen. Alle sozialen
Indikatoren deuten darauf hin, dass dieser Bundesstaat, der noch ärmer ist
als der indische Durchschnitt, bei Bildung und Gesundheitsversorgung viel näher
an den Industriestaaten liegt als am Rest der "Dritten Welt".
Aber
jetzt ist auch dieses Erfolgsmodell in den Sog der Globalisierung geraten.
Plötzlich können die Verantwortlichen in Kerala ihre eigene regionale
Wirtschaft nicht mehr kontrollieren. Die Menschen sehen sich neuen Zwängen
ausgesetzt, sich in eine Ökonomie zu integrieren, in der alles am Geld
gemessen wird.
Westliche
Firmen benützen indische Götterfiguren in ihren TV-Anzeigen, um für ihre
Konsumgüter zu werben. Neue Erwartungen werden geweckt, die einheimische
Erzeugnisse verdrängen. Folge: Sogar die Ärmsten, die noch vor wenigen
Jahren bargeldlosen Austausch praktiziert haben, werden abhängig von
Geldverleihern.Globale Zivilgesellschaft ist heute "dritte Kraft"
Rajendra Ravi ist davon überzeugt, dass gegen diese Form der Globalisierung
nur weltweite Allianzen der Bürger helfen. "Wir müssen auf lokaler
Ebene kämpfen, aber auf globaler Ebene einander beistehen," versichert
er im SN-Gespräch.
Ravi
vertritt die indische Gruppe "Lokayan" (übersetzt: "Dialog
der Menschen"), die bereits 1985 für die Vernetzung und Stärkung
lokaler politischer Gruppen den Alternativen Nobelpreis erhalten hat. Es sei
eine "Graswurzel"-Organisation, erläutert Ravi, die den Dialog
zwischen den einfachen Leuten und den politischen Parteien herstellen solle.
Die politisch Handelnden könnten auf diese Weise lernen, eine gute, bürgernahe
Politik zu machen.
Auf
den Philippinen hat der Prozess der Globalisierung insbesondere den
Agrarsektor schwer getroffen. Das asiatische Land verzeichnet wachsende
Importe "billiger" Lebensmittel. "Billig" sind diese
Einfuhren aus anderen Staaten in erster Linie deshalb, weil in ihre Preise
weder Umweltkosten noch die Nichtbeachtung von Minimalstandards zum Schutz
der Arbeiter eingerechnet worden sind. In der Praxis führen diese
Billigimporte (sogar von Reis) auf den Philippinen dazu, dass ganze Bereiche
der Landwirtschaft zusammenbrechen. Die Arbeitslosigkeit steigt drastisch.
Nicanor
Perlas glaubt deshalb, dass gegen diese Art der Globalisierung nur
"sehr starke Staaten" etwas ausrichten könnten. Denn wenn der
Staat geschwächt sei, erklärt Perlas im SN-Gespräch, werde dieser ökonomische
Prozess viele Aspekte des sozialen Lebens in einem Land zerstören.
Perlas,
im Jahr 2003 zusammen mit seinem Kollegen Walden Bello mit dem Alternativen
Nobelpreis geehrt, hat Bürgerinitiativen auf den Philippinen, im eigenen
Land also, aber auch internationale Netzwerke gegründet. Seine Vision ist
eine neue Weltgesellschaft, in der nicht mehr Ökonomie und Politik allein
zu zweit dominieren, sondern als dritter Pol die Zivilgesellschaft ein
Gegengewicht bildet.
Der
Experte verweist darauf, dass es seiner Bewegung gelungen sei, auf den
Philippinen ein Gesetz gegen die Armut auf den Weg zu bringen. Aber auf
nationaler Ebene, meint Perlas, sei der Staat oftmals stärker als die
zivile Gesellschaft. "Die Zivilgesellschaft muss so stark werden, dass
sie nicht mehr von der Regierung ignoriert werden kann, ohne dass dies
Folgen für die Politik der Regierung hätte."
Auf
der Weltebene sei die zivile Gesellschaft neben Staat und Markt längst zur
"dritten Kraft" geworden, bilanziert Perlas. Die großen
UNO-Konferenzen der 90er Jahre hätten viel dazu beigetragen, eine solche
globale Zivilgesellschaft zu formen. Alle empirischen Erhebungen zeigten,
dass diese globale "civil society" wohl auf Dauer Einfluss auf das
Weltgeschehen ausüben dürfte.
Perlas
ist demzufolge sicher, dass der aktuelle Prozess der Globalisierung neu
gestaltet werden kann. Immerhin habe die globalisierungskritische
Protestbewegung schon erreicht, meint er, dass der "Washingtoner
Konsensus" der neoliberalen Ökonomie bröckle. Wortführer des
globalisierten Weltmarktes argumentierten auf einmal, wie wichtig
Institutionen seien.
Doch
die Kräfte, die diese Art der Globalisierung geschaffen hätten, seien
selbst "sehr gut vernetzt", konstatiert Jakob von Uexküll. Der
Stifter des Alternativen Nobelpreises nennt die "Denkfabriken" in
den USA und Großbritannien - mit all ihren Alliierten in der Politik und in
den Medien. Als Zukunftsmarkt schlechthin gelte jetzt China, sagt Uexküll,
"obwohl die ökologischen Grenzen des dortigen Wirtschaftswunders schon
überall sichtbar sind". Aber die Globalisierung sei "kein
Naturereignis", sondern sie beruhe auf "Regelwerken". Diese
Regelwerke könnten schon
morgen
geändert werden.
©
SN
Salzburger
Nachrichten 11. Juni 2005
Neues
Leben im Dorf
Finnlands
Dörfer drohten zu veröden. Statt auf die Hilfe der Politik zu warten,
haben die Menschen ihr Schicksal in die Hand genommen und selbst angepackt.
anton
kaindlmittersill (SN). Hat das Leben in den Dörfern abgelegener Regionen
eine Zukunft? Für Tapio Mattlar, einen Aktivisten der finnischen
Dorferneuerungsbewegung "Village Action Movement", lautet die
Antwort eindeutig ja.
Noch
vor 40 Jahren lebte jeder zweite Finne auf dem Land. Die starke
Industrialisierung in den 60er- und 70er-Jahren löste eine Abwanderung in
die Ballungszentren aus. Das ländliche Leben versiegte und die Dörfer
begannen teilweise zu verfallen. "Das war der Zeitpunkt, als die Leute
ihr Schicksal in die eigene Hand nahmen", sagte Mattlar am Freitag bei
einer Diskussion mit Gymnasiasten in Mittersill im Salzburger Oberpinzgau.
Anstatt
auf die Hilfe der Politik zu warten, gründeten die Menschen zahlreiche
Dorfkomitees, die Projekte aus eigener Kraft auf die Beine stellten. Die
Projekte sollten die Dörfer wieder beleben und neue Bewohner anziehen. Sie
alle basierten auf den Grundsätzen Teamwork und freiwillige Arbeit. So
halfen die Bewohner eines Ortes in einem Lebensmittelgeschäft aus, dem die
Schließung drohte, und konnten den Laden so am Leben erhalten. Andernorts
wurden Straßen, Kinderspielplätze oder eine Wasserversorgungsanlage von
den Einheimischen errichtet. Daneben bemühte man sich, kulturelle
Traditionen wieder zu beleben. In zahlreichen Gemeinden wurden
Theatergruppen gegründet. Das bei den Aufführungen verdiente Geld floss
wieder in neue Projekte. 1992 erhielt die Dachorganisation der finnischen
Dorferneuerer den Alternativen Nobelpreis.
"Am
Anfang waren die lokalen Politiker gegen die Komitees", sagte Mattlar.
"Sie sahen das als eine Art Rebellion an. Inzwischen hat es sich aber
gebessert." Der finnische Staat unterstützt die Projekte mit Förderungen.
Ohne die Eigenleistung der Dorfbewohner wäre das meiste allerdings nicht
finanzierbar gewesen. Der EU-Beitritt Finnlands 1995 brachte neues Fördergeld
ins Land. Durch ihre Erfahrung wurden die Dorferneuerer laut Mattlar zu
Meistern im Lukrieren von EU-Mitteln. Er sieht diese Entwicklung allerdings
mit Misstrauen: "Es hat sich gezeigt, dass Geld nicht immer glücklich
macht. Teilweise gab es Streit, weil zu viel Geld da war."
Mattlar
war nicht zufällig im Oberpinzgau zu Gast. Die Region kämpft ebenfalls
gegen die Abwanderung. Jobs sind rar. Von den etwa 25 Gymnasiasten, die bei
der Diskussion teilnahmen, will nur eine einzige Schülerin nach der Matura
im Ort bleiben.
Der
Finne erklärte dazu, in seiner Heimat werde nicht versucht, die Jungen in
den Dörfern zu halten. "Wir wollen, dass sie studieren. Viele kommen
jetzt aber wieder zurück. Wir wollen zeigen, dass das Leben am Land nicht
altmodisch ist. Neue Technologien haben neue Berufe geschaffen. So kann ich
auch auf dem Land als Web-Designer arbeiten. Die Frage ist, ob ich die
Lebensqualität auf dem Land haben will. Wenn ich das will, dann finde ich
eine Möglichkeit. Es ist dort noch niemand verhungert."
Vom
Rockmusiker zum Schafbauern Tapio Mattlar selbst hat sich bewusst für das
Leben auf dem Land entschieden. Dafür nimmt er in Kauf, dass in seinem Dorf
nur drei Mal in der Woche ein öffentlicher Bus vorbeikommt und der Weg zum
nächsten Krankenhaus 100 Kilometer beträgt. Dimensionen, die für österreichische
Verhältnisse derzeit noch unvorstellbar sind.
Mattlar
wurde 1953 in Helsinki geboren. Nach eigenen Angaben ist er Musiker, seit er
mit zehn Jahren die erste Gitarre in die Hand bekam. Er spielte in
zahlreichen Bands und gründete unter anderem 1971 eine der ersten
Hardrock-Formationen Finnlands. Ende der 70er-Jahre hatten Mattlar und seine
Familie genug vom Leben in der Stadt und kauften einen Bauernhof mit 37
Hektar Grund. Dort widmet er sich der Schafzucht. Nebenbei macht er immer
noch Musik - in einer Folkband. In den frühen 80er-Jahren trat Mattlar dem
"Village Action Movement" bei und gründete 1989 dessen Zeitung.
1992 nahm er stellvertretend für die Organisation den Alternativen
Nobelpreis entgegen.
©
SN
Salzburger
Nachrichten 11. Juni 2005
Japan
Club
der Konsumenten
Die
Besichtigung des Berggasthofs "Bachrain" und der Landwirtschaft in
Scheffau fällt kurz aus. Die Japanerinnen Masako Okuda und Ryoka Shimizu
frieren auf fast 1000 Metern Seehöhe im Salzburger Tennengau. Nicht einmal
zehn Grad hat es am Freitagvormittag. Die Wolken hängen tief, es nieselt
leicht. Aber die beiden Frauen sind ja auch nicht gekommen, um den
prachtvollen Ausblick vom Moosegg zu genießen, sondern um ihre mit dem
Alternativen Nobelpreis ausgezeichnete "Seikatsu Club Consumer's
Cooperative"Salzburger Landwirtschaftsexperten und Schülern
vorzustellen.
Neuer
Lebensstil
Der
Seikatsu Club ist Ende der 60er-Jahre als kleine Lebensmittelkooperative
gegründet worden, heute gilt er als Modellprojekt alternativen
Wirtschaftens. Die Organisation zählt mittlerweile 1,5 Millionen
Mitglieder. Propagiert wird ein neuer Lebensstil, der die Gesundheit der
Menschen und die Umwelt schützt. Ziel ist, die Gesellschaft durch eine
weniger anspruchsvolle Lebensweise zu verändern.
Enge
Beziehung
Das
Neue an der japanischen Kooperative sei die enge Beziehung zwischen
Landwirten und Konsumenten, sagt Hans Embacher, Geschäftsführer von
"Urlaub am Bauernhof".
Für
Andreas Schwaighofer von "Bio Austria" Salzburg ist beispielhaft,
dass den Produzenten ein kostendeckender Preis angeboten werde. "Der
Club hat mit neuen Handelsstrukturen eine Alternative zu den der ,big player'
entwickelt." Schwaighofer nimmt vom "Tag der Begegnung" in
Scheffau die Erkenntnis mit, dass sich die heimischen Landwirte noch mehr
nach Kundenbedürfnissen ausrichten müssen.
Manfred
Siller vom Berggasthof Bachrain sagt: "Es ist interessant, solche Leute
kennen zu lernen und zu sehen, was dieser Club in Japan bewegt hat."
Seiner Meinung nach muss es in Österreich in Richtung Gesamtökologisierung
der Landwirtschaft gehen und dabei gleichzeitig die Akzeptanz der
Konsumenten gefunden werden. "Ich will zeigen, dass Bio gut schmeckt
und auch leistbar ist." SN, pab
©
SN
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