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 AUGE/UG  war KOOPERATIONSPARTNER der KONFERENZ:

8. BIS 13.

JUNI 2005

SALZBURG

25 th ANNIVERSARY RIGHT LIVELIHOOD AWARD

25 JAHRE ALTERNATIVER NOBELPREIS

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Landeskorrespondenz Salzburg: Salzburg weltoffener Gastgeber für "Alternative Nobelpreisträger"

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25 JAHRE ALTERNATIVER NOBELPREIS

Anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums des von Jakob von Uexküll ins Leben gerufenen Alternativen Nobelpreises (Right Livelihood Award) treffen sich 2005 die Preisträgerinnen und Preisträger in Salzburg, wie schon im Jahr 1999 zur Feier des 20-jährigen Bestehens der Right Livelihood Foundation.

In St. Virgil, dem Bildungs- und Konferenzzentrum der Erzdiözese, organisiert das Büro für Kulturelle Sonderprojekte des Landes Salzburg vom 8. bis 13. Juni 2005 eine internationale Konferenz, zu der sich bisher über 70 Preisträgerinnen und Preisträger aus aller Welt angemeldet haben.

 

Erstmals bietet das Treffen der Alternativen Preisträger auch der interessierten Öffentlichkeit die Möglichkeit, an Sitzungen und Veranstaltungen innerhalb der Jubiläums-Konferenz teilzunehmen. Es wurde ein umfangreiches Programm entwickelt, das neben Vorträgen, Arbeitsgruppen und Gesprächen am Freitag, 10. Juni 2005, auch einen „Tag der Begegnung" vorsieht. In enger Verbindung mit zahlreichen Vereinen und Institutionen in Stadt und Land Salzburg hat das Organisationskomitee es ermöglicht, dass zahlreiche der Alternativen Nobelpreisträger aktiv an dezentralen Veranstaltungen teilnehmen. Einerseits, um die jeweiligen Gruppen positiv zu motivieren, andererseits aber auch selbst von den Aktivitäten und Zielen dieser Salzburger Gruppen zu lernen. Das Interesse der Institutionen, aber auch Schulen war enorm, Einladungen an die Trägerinnen und Träger des Alternativen Nobelpreises zur Mitwirkung bei ausgewählten Veranstaltungen kamen aus allen Salzburger Gauen.

 

Am Samstag, dem 11. Juni, konzentriert sich die Zusammenkunft der Alternativen Nobelpreisträger in St. Virgil auf die Konferenz unter dem Motto „Alternativen, die sich rechnen", die der Stifter und Gründer des Right Livelihood Awards, Jakob von Uexküll, mit Grußworten eröffnen wird. Preisträgerin Helena Noberg-Hodge hält das Impulsreferat zur spirituellen, sozialen und ökologischen Erneuerung, es folgt ein Vortrag des Philosophen, Unternehmensberaters und Buchautors Frithjof Bergmann zum Thema „Neue Arbeit – Neue Kultur". 

 

Als Gäste, die für eine angemessene musikalische Umrahmung sorgen, wurden Christina Zürbrügg und Hubert von Goisern eingeladen. 

 

Den ganzen Tag über gibt es hochkarätig besetzte Arbeitsgruppen zu Themen wie „Frieden und Sicherheit für alle", „Menschenrechtsverbrechen", „Gelebte Demokratie", „Spiritualität und Kultur" oder „Die Herausbildung einer gemeinsamen Vision", abends werden Resümees präsentiert.

 

Am Sonntag, 12. Juni, findet beim Plainwirt in Maria Plain bei Salzburg das „Akademische Wirtshaus" statt. Die Leopold-Kohr-Akademie lädt seit 1988 immer wieder hochrangige Persönlichkeiten nach Salzburg ein, die im Sinne von Leopold Kohr, dem Salzburger Philosophen und Träger des Alternativen Nobelpreises leben, arbeiten und seine Thesen weltweit verbreiten. Zum diesjährigen „Academic Inn" sind Freunde und Gesprächspartner von Kohr aus London, New York oder Puerto Rico geladen, die gemeinsam mit Silvia Kronberger Kohrs Thesen und deren Bedeutung für die Frauenforschung präsentieren werden.


Inhaltlich orientiert sich das Zusammentreffen der Alternativen Nobelpreisträgerinnen und, Nobelpreisträger in Salzburg an wichtigen Zukunftsthemen wie die Notwendigkeit, neue lebensfördernde Formen des Arbeitens, Forschens und Wirtschaftens zu unterstützen, sowie die Gerechtigkeit bzw. die Gleichbehandlung von Regionen, Generationen und Geschlechter voranzutreiben und Regionen und Kulturen weiter zu entwickeln, wo Menschen ihre Lebensgrundlagen umweltfreundlich und sozialverträglich sichern und gestalten können. Die Themen sollen eine wirkungsvolle Grundlage bei der Bekämpfung der Armut und beim Bemühen für ein friedvolles Miteinander der Menschen bilden. Der öffentliche Teil des Nobelpreisträger-Treffens in Salzburg bietet die große Chance für Interessierte, Kontakte zu knüpfen, alternative Projekte und Initiativen kennen zu lernen und die Erfahrungen zu nützen, sei es im Arbeits- oder Wirtschaftsleben, aber auch in kulturellen und sozialen Bereichen.


Zum Anlass der 25-Jahr-Jubiläumsfeier des Alternativen Nobelpreises wird der Verein Salzburger Eisenbahn Philatelisten (S.E.Ph.) am 11. Juni in St. Virgil von 12 bis 16 Uhr ein Sonderpostamt einrichten mit eigenem Sonderpoststempel, Festkuvert, Erinnerungsblatt und zwei Sonderbriefmarken, die Alfred Winter, der Organisator des Treffens, entworfen hat. Ergänzend gibt es eine Briefmarkenausstellung, u.a. zu Schwerpunktthemen der Konferenz.

 


Haslauer: Konferenz zum 25-Jahre-Jubiläum vom 8. bis 13. Juni in St. Virgil

Salzburger Landeskorrespondenz, 19.04.2005

(LK)  Das Jubiläum „25 Jahre Alternativer Nobelpreis“ wird vom 8. bis 13. Juni in Salzburg gefeiert. Die Right Livelihood Foundation und das Land Salzburg haben die bisherigen Preisträger sowie namhafte Experten zu einer Konferenz eingeladen; bisher (Stand 17. April) haben 73 Alternative Nobelpreisträger aus rund 65 Ländern ihr Kommen zugesagt. Ein anspruchsvolles Programm – 10. Juni: Tag der Begegnung, 11. Juni: Konferenz „Alternativen, die sich rechnen“, 12. Juni: Academic Inn – gibt der interessierten Öffentlichkeit Gelegenheit zur Begegnung mit den Preisträgern. Der 8., 9., und 12. Juni sind für interne Beratungen bzw. die Konferenz der Preisträger reserviert. „Unsere Gesellschaft braucht Vordenker und Querdenker mit Ideen und Visionen – Experten, die auf Basis fundierter Studien Probleme sowie deren Lösungen aufzeigen. Die Träger des Alternativen Nobelpreises sind eine höchstkarätige Runde, die sich hier in Salzburg zum Gedankenaustausch treffen wird“, unterstrich heute, Dienstag, 19. April, Landeshauptmann-Stellvertreter Haslauer die Bedeutung der Veranstaltung.

In einem gemeinsamen Informationsgespräch mit Prof. Alfred Winter, dessen Kulturelle Sonderprojekte für die Durchführung der Veranstaltung hauptverantwortlich zeichnen, Prälat Dr. Hans-Walter Vavrovsky von St. Virgil, Wirtschaftskammerpräsident Komm.-Rat Julius Schmalz, Arbeiterkammerpräsident Siegfried Pichler und Christian Vötter von der Leopold-Kohr-Akademie wurden die Schwerpunkte der Jubiläums-Veranstaltung unter dem Motto „Alternativen, die sich rechnen“ präsentiert.

Das „Büro für Kulturelle Sonderprojekte“ unter der Leitung des Landesbeauftragten Prof. Alfred Winter, die Leopold-Kohr-Akademie und St. Virgil als Konferenzort begannen vor zwei Jahren mit der Vorbereitung und Organisation des Treffens. Ein gegründetes Komitee befasst sich mit der Organisation und Abwicklung der Veranstaltung. Das Büro für Kulturelle Sonderprojekte, Ressort Landeshauptmann-Stellvertreter Dr. Wilfried Haslauer, die Salzburger Wirtschaft und die Arbeiterkammer Salzburg decken einen weiteren großen Teil des notwendigen Budgets ab. Mitveranstalter sind die Right Livelihood Foundation (Jakob von Uexküll und sein Neffe Ole von Uexküll), die aktivsten Kooperationsparnter sind AUGE – Alternative und Grüne Gewerkschafter Salzburg (Robert Müllner) und das Klimabündnis Salzburg (Jean Marie Krier).

„Es soll eine Plattform für die Preisträger geschaffen werden, um interne Meinungen austauschen, in Gesprächen kooperative Visionen finden und in den zentralen Konferenz-Themen wie Neues Wirtschaften, Nachhaltigkeit, Frieden oder Menschenrechte Antworten finden zu können. Zudem werden breite Begegnungsmöglichkeiten für die Salzburgerinnen und Salzburger mit den Nobelpreisträgern geschaffen. Damit haben wir die Möglichkeit, ganz unmittelbar in unseren Gemeinden von diesem internationalen Treffen zu profitieren“, zeigte sich Haslauer überzeugt.

Die zentralen Themen der Konferenz sind:

·         Frieden und Sicherheit für alle: Frieden und Konfliktlösung, globale Sicherheit und Menschenrechte;

·         Menschenrechtsverbrechen: Verhinderung von Folter, Verfolgung von Menschenrechtsverbrechen, Aufarbeitung autoritärer Regime und Aussöhnung;

·         Gelebte Demokratie: Demokratische Teilhabe jenseits von Wahlen, Stärkung der Zivilgesellschaft und Stärkung von Minderheiten;

·         Nachhaltiges Leben: Unterschiedliche Lebensstile, nachhaltige Wirtschaftsweise indigener Völker und Alternativen zur Konsumgesellschaft;

·         Spiritualität und Kultur: Kulturelle Vielfalt und Spiritualität als „wahrer“ Reichtum;

·         Menschliche Entwicklung: Ernährung und Wasser, nachhaltige Energie, Bildung, Gesundheit und Armutsbekämpfung;

·         Naturschutz und biologische Vielfalt: Globale Umweltprobleme und nachhaltiger Umgang mit dem Reichtum der Natur;

·         Neue Arbeit - Neues Wirtschaften: Arbeitslosigkeit, globaler Handel und Liberalisierung;

·         Entwicklung einer gemeinsamen Vision: Wie können wir aus alternativen Konzepten in unterschiedlichen Bereichen ein zusammenhängendes Gesamtbild gestalten?

Zwei Alternative Nobelpreisträger aus Salzburg

Salzburg ist die einzige Stadt der Welt, die zwei Alternative Nobelpreisträger aufweisen kann: Prof. Dr. Leopold Kohr (1983), den visionären Wirtschafts-Philosophen, und Dr. Robert Jungk (1986), den Zukunftsforscher. Diese Tatsache war mit ein Grund, warum der Gründer des Alternativen Nobelpreises, Jakob Uexküll, schon das 20-Jahre-Jubiläum nach Salzburg gebracht hat und auch heuer das 25-Jahre-Jubiläum des ANP wiederum hier gefeiert wird, informierte Landeshauptmann-Stellvertreter Haslauer. Diese Auszeichnung für Salzburg sei aber auch der breiten Unterstützung über alle Partei- und Interessengrenzen hinweg zu verdanken, die nicht zuletzt durch das gemeinsame Engagement von Wirtschaftskammer und Arbeiterkammer verdeutlicht werde. Die Schirmherrschaft über die Veranstaltung haben EU-Kommissarin Dr. Benita Ferrero-Waldner und Salzburgs Erzbischof Dr. Alois Kothgasser übernommen.

Seit 1980 121 Projekte aus 65 Ländern ausgezeichnet

Seit 1980 wurden etwa 121 Menschen und Projekte in 65 Ländern aus mehr als 650 Nominierungen ausgewählt und ausgezeichnet. Die jährliche Preissumme von zirka zwei Millionen  Schwedischen Kronen (zirka 220.000,00 Euro) teilen sich drei oder vier Preisträger – zugunsten ihrer Projekte und Arbeiten, nicht zu ihrem eigenen, persönlichen Nutzen. Mit einem nicht monetären Ehrenpreis würdigt die Jury Personen oder Projekte, um sie so einer internationalen Öffentlichkeit näher zu bringen.

Vavrovsky: Vernetzung unter den Preisträgern

Zur Feier „20 Jahre Alternativer Nobelpreis“ vom 30. Mai bis 2. Juni 1999 in St. Virgil waren rund 63 der damals noch lebenden 83 Träger des Preises nach Salzburg gekommen. Es war dies das erste wirklich große Treffen, das intensiv für Kommunikation und Vernetzung unter den Preisträgern genutzt wurde, erinnerte Prälat Dr. Hans-Walter Vavrovsky von St. Virgil. Jakob von Uexküll wurde in der Residenz mit dem „Salzburger Landespreis für Zukunftsforschung“ ausgezeichnet und war damit der dritte Träger dieses Preises überhaupt.

„Beeindruckend war, dass die meisten dieser Menschen, die zumeist aus ärmeren Gebieten unserer Erde stammten, jede/jeder an seinem Platz entschieden hatte, das ‚Notwendige zu tun’, meist ohne öffentliche und finanzielle Unterstützung. Wie nachhaltig die Welt durch konkretes Handeln zu verändern ist, zeigten eindrucksvoll die zahlreichen Projekte. Eine der strahlendsten Persönlichkeiten war auch 1999 schon die Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai, deren Projekt ‚Green Belt Movement’ von St. Virgil anlässlich des eigenen 20-jährigen Jubiläums 2001 präsentiert und unterstützt wurde“, so Vavrovsky, der noch hinzufügte, dass auch heuer ein deutliches Signal der Diskussionsbereitschaft gesetzt werden solle.

Schmalz: Wirtschaft braucht individuelle Strategien und Konzepte

Für die Salzburger Wirtschaft sei der Leitgedanke des Alternativen Nobelpreisträgers Leopold Kohr – nämlich „Small is beautiful“ – seit langem selbstverständlich. In Salzburg erwirtschaften kleine und mittlere Unternehmen 57 Prozent der Wertschöpfung, tätigen 62 Prozent der Investitionen und stellen 85 Prozent der Ausbildungsplätze zur Verfügung. Auch in Zeiten der Globalisierung gelte es, diese Strukturen zu erhalten und sie sogar noch zu verbessern, betonte der Präsident der Salzburger Wirtschaftskammer Komm.-Rat Julius Schmalz.

„Die Salzburger Wirtschaft will und kann sich nicht von der Globalisierung abschotten: Wir sagen ‚Ja’ zur Globalisierung, aber nicht um jeden Preis. Es kann nicht sein, dass sich einige wenige Global Player die Weltwirtschaft untereinander ausmachen ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Strukturen in den einzelnen Ländern. Es gibt viel Positives an der wirtschaftlichen Globalisierung, aber wir müssen die damit verbundenen Risiken für die Salzburger Klein- und Mittelbetriebe minimieren. Dafür existieren keine Patentrezepte. Gefragt sind vielmehr – entsprechend den Zielen des Alternativen Nobelpreises – individuelle Strategien und Konzepte“, so der WK-Präsident.

Zu diesen Zukunftskonzepten gehört unter anderem die Betonung der Nachhaltigkeit im wirtschaftlichen Handeln. Wie eine Studie der Wirtschaftskammer Österreich ergeben hat, liegt Österreich im nachhaltigen Wirtschaften EU-weit an der Spitze, gefolgt von Schweden, Deutschland und Dänemark. Für mehr Nachhaltigkeit setze sich auch die Salzburger Wirtschaft ein, führte Präsident Schmalz aus. So hat das Umwelt.Service.Salzburg, die gemeinsame Umweltberatung von Land, Bund und Wirtschaftskammer Salzburg, kürzlich einen Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem die besten Ideen für Nachhaltigkeit in Betrieben und Gemeinden ausgezeichnet werden.

Dass Nachhaltigkeit zu den großen weltpolitischen und ökonomischen Herausforderungen zähle, werde auch Prof. Franz-Josef Radermacher bei einem Vortrag am Donnerstag in der Wirtschaftskammer Salzburg aufzeigen, kündigte Schmalz an. Radermacher ist Mitautor des neuen Berichts an den Club of Rome, in dem der Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Wohlstand aufgezeigt wird.

Pichler: Vorbild für ein menschenwürdiges Miteinander

Der Alternative Nobelpreis zeichnet Menschen aus, die ungeachtet oft schwieriger Rahmenbedingungen Vorbild für ein menschenwürdiges Miteinander sind, Menschen die Alternativen für eine umwelt- und sozialverträgliche Entwicklung aufzeigen. „Der Alternative Nobelpreis steht für die Arbeiterkammer stellvertretend für die andere Globalisierung, die nicht den Profit weniger Privilegierter, sondern das Wohlergehen und das Glück aller Menschen in den Mittelpunkt stellt“, betonte Arbeiterkammer-Präsident Siegfried Pichler.

„Gerade heute sind in einer zunehmend vom ‚Turbokapitalismus' geprägten globalisierten Gesellschaft sozialverträgliche Alternativen gefragt, die mehr Lebensqualität für alle Menschen bieten. Lebensqualität bedeutet für die Arbeiterkammer nicht nur eine intakte Umwelt, sondern vor allem immer auch menschenwürdige Arbeitsplätze und die Gewährleistung sozialer Mindeststandards“, so Pichler.

Diese sozialen Mindeststandards hängen zunehmend vom Wohlwollen weltweit agierender Unternehmen ab. Die AK werde die Chance nützen und im Dialog mit den Preisträgern Alice Tepper Marlin und dem Seikatsu Club Consumers' Cooperative über Möglichkeiten und Macht der Konsumenten zur Gewährleistung sozialer Mindeststandards diskutieren.

Vötter: Förderung der wirtschaftlich kleinen Einheiten

Die Bildungsakademie des Vereins Tauriska im Kammerlanderstall in Neukirchen am Groß-venediger ist nach dem Philosophen Professor Dr. Leopold Kohr (1909 bis 1994) benannt. Die Kohr’sche Leitidee der „Rückkehr zum menschlichen Maß!“ ist Auftrag und gleichermaßen Programm für die Leopold-Kohr-Akademie, die sich als Fortbildungsinstitut speziell für die Nationalparkregion Hohe Tauern versteht und die Förderung der wirtschaftlich kleinen Einheiten zum Ziel hat, erläuterte Christian Vötter von der Leopold-Kohr-Akademie. Kohr selbst erachtete Modelle wie den Tauriska-Kammerlanderstall, die im überschaubaren Rahmen perfekt funktionieren, als richtungweisend für das Überleben der Menschheit.

Aufgaben der Leopold Kohr Akademie:

·         die wissenschaftliche Be- und Aufarbeitung des gesamten Nachlasses von Leopold Kohr sowie die Öffnung dieser Materialien für die interessierte Fachwelt. Archivstandort Salzburg (Altstadt);

·         die kommentierte Neuherausgabe aller bereits publizierten (jedoch vergriffenen) Bücher Leopold Kohrs sowie die erstmalige Edition bisher unveröffentlichter Werke;

·         die Vergabe und Betreuung von wissenschaftliche Arbeiten (Diplomarbeiten, Dissertationen) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichte der Universität Salzburg;

·         die kritische und (möglichst) interdisziplinäre Auseinandersetzung mit dem Werk Leopold Kohrs in der universitären Lehre;

·         Gründung und Durchführung sowie internationale Forcierung des Projektes Geschichte@Internet (im Mittelpunkt steht die wissenschaftliche und kritische Auseinandersetzung mit dem neuen Leit-Medium) im Sinne Leopold Kohrs;

·         die Betreuung der jeweils aktuellen Alternativen Nobelpreisträger plus Ausrichtung von themenbezogenen Jahrestagungen in Neukirchen und Salzburg;

·         Entwicklung und Vorbereitung eines Leopold-Kohr-Preises;

·         Herausarbeitung der Elemente einer „Theorie kleinräumiger Wirtschaftskreisläufe“ im Kohr’schen Werk als spezifischer Beitrag zur Wirtschaftstheorie und Perspektive für die Wirtschaftspolitik;

·         Unterstützung der Bemühungen zur Errichtung eines Gewerbe- und Industriemuseums für den Zentralraum Salzburg sowie

·         Unterstützung von Projekten eigenständiger Kultur- und Regionalentwicklung auch im europäischen Kontex.

Eine enge Zusammenarbeit der Leopold-Kohr-Akademie mit der Right Livelihood Foundation und dem Gründer und Stifter des Preises, Jakob von Uexküll, gibt es bereits seit dem Jahr 1998. 1999 organisierte die Akademie mit den Kulturellen Sonderprojekten das 20-Jahre-Jubiläum in Salzburg. Bei diesem Anlass entstand die Idee, jährlich die aktuellen Preisträger nach Salzburg einzuladen, um ihre zukunftweisenden Projekte vorzustellen, jeweils in Verbindung mit Projekten aus Salzburg. Dieser Plan wurde bei folgenden Veranstaltungen umgesetzt:

·         Friedenssymposion in St. Johann und Bad Hofgastein – 2000,

·         Ökokulturprojekt Teufelsgraben in Seeham – 2001,

·         Tagung „Viktualien neu gedacht“ in Neukirchen am Großvenediger – 2002,

·         salzburg glokal - 2003.

 

25 Jahre Alternativer Nobelpreis

Der Right Livelihood Award, hierzulande besser bekannt als „Alternativer Nobelpreis“, wurde 1980 von dem deutsch-schwedischen Publizisten, Philatelisten und ehemaligen Europa-Abgeordneten Jakob von Uexküll gestiftet.

Mit dem Preis werden Personen und Initiativen geehrt, die auf verschiedene Weise Lösungen für Probleme unserer Zeit erarbeiten. Alle Preisträger eint die Vision von einer humanitären Gesellschaft ohne Unterdrückung und Ausbeutung, das Bestreben, die Vielfalt und die Ressourcen unseres Planeten zu bewahren, sowie einer Ethik der Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Vor allem in den Ländern der so genannten „Dritten Welt“ – in kaum eines ist jemals ein ‚echter’ Nobelpreis gegangen – hat der ‚Right Livelihood Award’ einen sehr hohen Stellenwert, weil er die Perspektiven dieser Länder und ihr berechtigtes Interesse an selbstbestimmter Entwicklung betont und unterstützt.

Alles begann mit dem Traum eines Philatelisten. Ein gutes Vierteljahrhundert ist es her, dass der deutsch-schwedische Briefmarkensammler Jakob von Uexküll sich eines Tages fragte, ob man guten Gewissens sein Leben mit dem Sammeln kleiner bunter Papierchen verbringen dürfte, während zeitgleich die Welt immer mehr in Stücke fiel. Er entschloss sich, seine Sammlung zu verkaufen, gründete mit dem Erlös die Right Livelihood Stiftung und schrieb den „Preis für die richtige Lebensführung“ aus. Dass man ihn heute den ‚Alternativen Nobelpreis’ nennt, ist nicht die Idee des Stifters, sondern ein indirektes Lob der Öffentlichkeit, die ihn längst mit dem wichtigsten Wissenschaftspreis vergleicht. Und tatsächlich umfasst der „Right Livelihood Award’ (RLA) heute ein so breites Spektrum, dass man ihn getrost mit seinem großen Bruder vergleichen kann: Mit dem Alternativen Nobelpreis werden Friedens-, Umwelt- und soziale Projekte sowie Konzepte alternativer und nachhaltiger Entwicklung in der Ersten und der Dritten Welt ausgezeichnet. Mit ihm werden die Nutzung regenerative Energien und die Entwicklung entsprechender Technologien, die biologische Landwirtschaft und ganzheitliche Gesundheitsversorgung unterstützt. Der Preis belohnt den Schutz biologischer und kultureller Vielfalt, den Ausbau der Demokratie, den Schutz der Menschenrechte. Er belohnt all jene kleinen Lösungen, die für die großen Probleme im Ansatz längst vorhanden sind.

Die Right Livelihood-(RLA)-Stiftung ist in Schweden als gemeinnützig eingetragen und hat Vertretungen in England, Deutschland, Indien und den Vereinigten Staaten. Sie ist unabhängig von jedweden politischen oder religiösen Gruppierungen. Der Right Livelihood Award wird jährlich im Schwedischen Parlament  in Stockholm am Tag vor der Nobelpreispräsentation vergeben.

Alfred Nobel wollte diejenigen ehren, die „der Menschheit die größte Wohltat“ erweisen. Vom selben Geist getragen unterstützt die „Right Livelihood Award“-Stiftung diejenigen, die an anwendbaren und beispielhaften Lösungen von den tatsächlichen Problemen unserer Zeit arbeiten. Der Alternative Nobelpreis wird für keine Kategorien vergeben, sondern ehrt sehr unterschiedliche Beiträge für eine bessere Zukunft der Welt. Die Stiftung zieht es auch vor, ihre Preisträger nicht „Gewinner“ zu nennen, da dies den Eindruck erweckt, als seien die anderen Verlierer.

Auszeichnung und Wirkung

Der RLA (Right Livelihood Award) unterstützt nicht nur direkt und unmittelbar. Wissen und Erfahrungen der Preisträger werden einer breiten Öffentlichkeit zuteil. Dabei zeigt sich, dass Einzelne oder kleine Gruppen oft unlösbar erscheinenden Problemen entgegentreten; sie handeln gemeinsam, mobilisieren andere und bringen so den Stein im Interesse aller ins Rollen.

Der Alternative Nobelpreis soll außerdem immer wieder Debatten über unsere Wertvorstellungen und Ziele in Gang setzen. Er bringt Menschen unterschiedlichster Interessen und Projekte zusammen, stärkt sie und unterstützt ihre Ideen, um Zukunftsmodelle zu formen und zu verwirklichen. Das sind jene, die sich für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte, für Frieden und Abrüstung, für die Rechte von Minderheiten, für den Schutz der Umwelt und für viele andere Aspekte menschlicher Entwicklung einsetzen, angefangen von kultureller und geistiger Erneuerung bis hin zu Wissenschaft und Technologie zum Nutzen der gesamten Menschheit.

Sie alle eint die Vision unteilbarer Humanität, die Verpflichtung unseren Planeten zu bewahren und behutsam mit seinen Ressourcen umzugehen, sowie eine Ethik, die Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit verpflichtet ist.

Wie werden die Preisträger ausgesucht?

Jede/r kann eine Person oder Organisation vorschlagen, deren Arbeit er/sie kennt. Ein Informationsblatt mit Konditionen und Nominierungsrichtlinien kann bei der Stiftung in Schweden angefordert werden. Die eingegangenen Unterlagen werden überprüft und, falls erforderlich, die Nominierten besucht. Die Berichte über alle vorgeschlagenen Kandidaten werden der internationalen Jury vorgelegt. Neue Nominierungen und jene Nominierungen, die von der Jury aus ver-gangenen Jahren zwecks weiterer Nachforschungen beibehalten wurden, werden gleich behandelt. So können Kandidaten über mehrere Jahre auf der Vorschlagsliste bleiben, bevor die Juroren ihre abschließende Entscheidung treffen.

Die Jurymitglieder wechseln kontinuierlich. Die derzeitigen Mitglieder sind: Marianne Andersson, Frank Bracho, Paul Ekins, Anuradha Mittal, Ahmedou Ouls-Abadallah, Vithal Rajan, Ursula Schulz-Dornburg, Frank Schwalba-Hoth sowie David Krieger. J80-11C


das taz-gespräch

DREI ALTERNATIVE NOBELPREISTRÄGER: DER KAPITALISMUS BRICHT ZUSAMMEN ... ... WIR WISSEN NUR NOCH NICHT, WANN

Der Finne Tapio Mattlar, der Philippiner Nicanor Perlas, der Chilene Manfred Max-Neef: Alternative Nobelpreisträger aus drei Kontinenten. Sie trafen sich in München. Die taz fragte: Wie geht es weiter mit der Globalisierung? Die Antwort: Die Welt ist auf die Zukunft nicht vorbereitet

 

das taz-gespräch

 

"Die Armen sind kolossal kreativ"

MODERATION REINER METZGER

taz: Meine Herren, Konzerne werden zwar zunehmend als die Verantwortlichen für die Auswüchse der Weltwirtschaft erkannt, können aber offensichtlich alle von den ihren Kritikern verkündeten Grenzen des Wachstums ignorieren. Stehen da Globalisierungskritiker nicht machtlos vis-à-vis?

Nicanor Perlas: Es stimmt, die Nationalstaaten haben ihre Entscheidungsfindung an die transnationalen Konzerne abgeben. Diese Konzentration der Macht ist allerdings nicht nachhaltig. Deshalb wird das System zusammenbrechen.

Manfred Max-Neef: Wir Ökonomen können sogar in der Theorie beweisen, dass diese Macht zusammenbrechen muss - es ist allerdings unmöglich, den genauen Zeitpunkt zu berechnen. Das System wird entweder aus ökologischen oder aus finanziellen Gründen kollabieren. Ich glaube, der finanzielle Kollaps wird zuerst kommen, denn am Steuerruder sitzen nur die globalen Spekulanten - das ist offensichtlich nicht nachhaltig.

Nicanor Perlas: Das gegenwärtige System der Globalisierung muss sich doch einigen wirklich großen Fragen stellen:

1. Das Phänomen "big oil", die Abhängigkeit vom Öl. Wir kommen bald zum Punkt, wo die Nachfrage größer wird als das Angebot. Das wird ein großer Schock. Denn der Aufbau der kapitalistischen Strukturen der vergangenen zweihundert Jahre beruhte auf dem billigen Nachschub an Energie und Öl. 

2. Die globale Erwärmung. Sie kommt viel schneller, als die Leute dachten. Das jetzige globale System ist aber auf der heutigen Klimaverteilung aufgebaut.

3. Zum ersten Mal erkennen die Massen, wer das Finanzsystem kontrolliert und warum. Es gibt zunehmend Kritik - nicht nur in den USA, sondern auch in Europa, Asien und Lateinamerika - gegenüber dem Projekt des "Global Empire", des kapitalistischen Weltreichs. Das ist wichtig, weil es einen sehr fruchtbaren Boden bereitet. Es schafft Chaos im System, und ein chaotisches System ist anfällig für Veränderungen. Dieses Wissen treibt diejenigen im Untergrund an, die all die Alternativen schon erproben.

Manfred Max-Neef: Wir bereiten uns nicht genügend auf den kommenden Kollaps des Systems vor. Denn wenn es zusammenbricht, werden wie immer die Armen die härtesten Konsequenzen tragen. Und da ist auch Perlas' Punkt der Energie von größter Wichtigkeit: Selbst wenn man alle alternativen Energien plus die Atomkraft zusammennimmt, wird es nicht möglich sein, eine Weltwirtschaft zu erhalten mit dem gegenwärtigen Megawatt-Verbrauch. Alle Gesellschaften werden sich an einen geringeren Energieverbrauch anpassen müssen. Das bedeutet: Sozialer, politischer und ökologischer Wechsel ist absolut notwendig. Doch wir sind nicht darauf vorbereitet, und es gibt auch keine Politik, um das zu entwickeln.

taz: Wie bereitet man sich, bitte schön, auf eine globale Krise vor?

Manfred Max-Neef: Leider sind die Antiglobalisierungsbewegung und all diese lokalen Gruppen nicht ausreichend fokussiert. Nehmen Sie die großen Treffen wie in Porto Alegre. Da haben Sie 50.000 Leute, jeder mit seiner eigenen Botschaft. Und die Summe des ganzen ist null. Es ist lediglich eine Art psychologischer Befreiungsschlag. Besser wäre es, die Bewegung würde sich auf ein oder zwei grundlegende Themen konzentrieren. Nicht mehr. Bewegungen sind meist sehr periodisch, ihr großer Schwung lässt auch schnell wieder nach. Da verlieren sie nur Energie mit solchen Treffen … 

taz: Welche Organisation könnte denn die weltweiten Graswurzelgruppen dazu bringen, sich auf eine Prioritätenliste der abzuarbeitenden Themen zu einigen?

Nicanor Perlas: Es geht auch ohne die Art von Organisation, die für die sozialen Bewegungen der vergangenen 200 Jahre charakteristisch war. Es wird viel diskutiert in den Bewegungen über die Eigenschaften von horizontalen Netzwerken, über Strategien. Es ist aber ein Kampf mit der Zeit, eine Art Notsituation. Die neuen sozialen Initiativen erwachsen aus sehr dezentralen Organisationen. Die Frage ist: Wird sich ihre Kraft schnell genug entwickeln, um den Kollaps des Systems auszugleichen? Noch dazu, wo der drohende Kollaps die Unterdrückung erst mal verstärken wird.

Tapio Mattlar: Die Situation in jedem Land ist natürlich einzigartig, und ich will unser Rezept daher nicht jedem empfehlen. Aber wir Finnen haben eine lange Tradition, über Autoritäten zu lachen. Das hat viel geholfen. Wir lachen auch über Schlagworte wie Globalisierung oder Kapitalismus. Wir denken frech, das wissen wir besser. Wir versuchen die besten Teile der Globalisierung anzunehmen, und den Rest lassen wir weg. So verdienen zum Beispiel die Bauern jetzt weniger als früher, wegen des Weltagrarmarkts und wohl auch wegen der Klimaveränderungen. Aber wir nutzen jetzt auf dem Land Internet, Mobiltelefon und so weiter. Dadurch sind viele neue Arbeitsmöglichkeiten auf das Land gekommen. Die Leute müssen nicht in die Stadt gehen, um ihr Brot zu verdienen.

Nicanor Perlas: Haben Sie in Finnland staatliche Programme, um den Dörfern zu helfen?

Tapio Mattlar: Solche Programme haben wir, auch von der Europäischen Union. Aber unsere Dorfinitiativen sind eine echte Graswurzelbewegung. Sie wurden gestartet ohne Staat. Auf lokaler Ebene funktionieren sie sogar gegen den Staat: Die größten Feinde der Eigeninitiative sind oft die mächtigen Verwaltungen vor Ort. Trotzdem gibt es in 3.900 Dörfern nun ein Dorfkomitee, das sich um Gemeinschaftsarbeiten und Kultur kümmert. Und wir haben nur 4.000 Dörfer in Finnland. Das Wichtigste auf dem Land in Finnland aber ist: Die Leute leben halb außerhalb der modernen Welt. Zum Glück. Wir brauchen zum Beispiel sehr viel Energie in Finnland, weil es so kalt ist. Aber wir in den Dörfern sind überhaupt nicht verbunden mit dem Energiesystem der Welt. Wir heizen mit Holz aus unserem eigenen Wald.

taz: In Deutschland schätzen auch viele Menschen das Leben auf dem Land. Und auch sie würden gern in ihrer Heimatregion bleiben. Aber sie sagen: Hier gibt es keine Jobs. Wir müssen wegziehen.

Manfred Max-Neef: Diese Menschen denken in der Kategorie von abhängiger Beschäftigung, von Anstellung, von Jobs, nicht in der Kategorie Arbeit. Das passiert in vielen Ländern. Und das Schlechteste dabei ist: Da wo die Leute hinziehen, gibt es auch keine Jobs. Sie ziehen weg für eine Anstellung, die es gar nicht gibt. Wir müssen die Arbeit wieder neu erfinden. Wir brauchen wieder mehr Arbeit statt Anstellung.

Tapio Mattlar: Es gibt auch auf dem Land in Finnland nicht viele Jobs. Es gibt jedoch andere Wege, um zu überleben, als für jemanden zu arbeiten. Du kannst für dich selbst arbeiten oder deine eigene Firma oder Farm haben. Dafür braucht man wenig Geld. Als ich 1980 von der Stadt aufs Land gezogen bin, hat mein 35-Hektar-Bauernhof samt großem Haus und Anteil an einem See weniger gekostet als eine Dreizimmerwohnung in Helsinki.

taz: Schön und gut. Aber irgendetwas muss man auch an die Außenwelt verkaufen, um die von dort bezogenen Produkte zu bezahlen. Was ist das in Ihrem Fall?

Tapio Mattlar: Da gibt es so viele Wege. Wir hatten unlängst eine Kampagne, um noch mehr Leute für das Land zu interessieren. Wir haben eine Anzeige geschaltet und auf leer stehende Höfe in unserer Gegend hingewiesen. Es meldeten sich viele Leute. Von jedem wollten wir wissen, wie er seinen Lebensunterhalt zu bestreiten gedenkt. Da kamen viele tolle Ideen: Einer wollte Funkgeräte für Kinder bauen, der Nächste alte finnische Autos nach Russland exportieren, jemand anderes Brautkleider nähen. Für all diese Sachen müssen sie nicht in der Stadt wohnen.

Manfred Max-Neef: Das sage ich ja: Arbeit wieder erfinden, anstatt nur angestellt zu sein. In den sprichwörtlichen guten alten Zeiten gab es keine Arbeitslosigkeit. Arbeitslosigkeit ist eine Erfindung der industriellen Revolution. Die Frage ist: Was kann davon wieder entdeckt und an die heutige Zeit angepasst werden? Was war die Struktur, die es damals ermöglicht hat, dass alle Arbeit fanden? Manche Arbeit damals war natürlich schlecht. Aber derzeit haben wir mehr als eine Milliarde Menschen, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen. Das ist doch verstörend in einer Welt, in der die Ressourcen im Überfluss genutzt werden.

taz: Kann denn so etwas wie die finnische "Dörferbewegung" auch in anderen Ländern funktionieren?

Nicanor Perlas: Ja, auf eine andere Weise. Es gibt auf den Philippinen und in anderen Ländern Asiens ein weit verbreitetes System von Mikrofinanzierung für Arme, von Kleinstkrediten über wenige Dollar. Die Hälfte der philippinischen Wirtschaft ist informell, taucht also in irgendwelchen Bilanzen überhaupt nicht auf. Wir organisieren die Wirtschaft der Armen ganz anders. Wir leihen nicht nur Geld, wir verbinden auch die einzelnen Kleinbanken. Wir schaffen ein sich selbst erhaltendes System für die Genossenschaften, anstatt eine kleine Version des Kapitalismus nachzubauen.

Manfred Max-Neef: Ein Merkmal der Armen ist, dass sie kolossal kreativ sind. Wir haben in Chile die Wirtschaft der Armen erforscht und klassifizierten allein in einer Stadt über 200 Arten von Überlebensjobs. Fantastische Sachen. Aber diese Dinge genießen keinerlei Unterstützung vom Staat. Der erste Schritt müsste doch sein: hinausgehen und sehen, was da an Kreativität da ist. Und dann diese existierende Kreativität unterstützen. Und nicht in einem Ministeriumsbüro ein Programm für die Schöpfung von Jobs aushecken. Eine Eigenschaft von Leuten, die über Armut reden, ist leider, dass sie Armut nicht verstanden haben und was das bedeutet. Sie werden sie erst verstanden haben, wenn sie arm waren oder zumindest mit den Armen gelebt haben. Wenn Sie im Dreck stehen, von Angesicht zu Angesicht mit dem sprichwörtlichen José Lopez - er hat keine Arbeit, fünf Kinder, ist arm und hungrig -, wollen Sie ihm dann sagen: "José, du solltest froh sein, das Bruttosozialprodukt wächst um fünf Prozent?" Nach den Ergebnissen der herkömmlichen Volkswirte brauchen sie José übrigens gar nichts zu sagen - ökonomisch gerechnet müssten theoretisch alle Armen längst tot sein.

taz: Das klingt nach Galgenhumor: Die armen Länder sind gegen weltweite Wirtschaftsschocks besser gerüstet, weil dort viele Menschen notgedrungen unabhängiger von der Weltwirtschaft überleben?

Nicanor Perlas: Ja.

Manfred Max-Neef: Aber trotzdem brauchen wir eine Hängematte, in die wir bei einer Krise fallen können. Und wir haben keine ausreichende Hängematte zur Zeit.

taz: Aber was ist, wenn die großen Firmen wirklich in Schwierigkeiten kommen? Sie sind immerhin sehr effektive Maschinerien, die Waren günstig herstellen und vertreiben. Kommen wir ohne ihre Güter überhaupt noch aus?

Manfred Max-Neef: Ich würde eher fragen: Müssen wir wirklich mit denen untergehen? Was die treiben, ist manchmal einfach unausstehlich. Nehmen sie zum Beispiel das neue Saatgutgesetz der US-Verwaltung für den Irak: Alle Bauern im Irak sind demnach gezwungen, ihr Saatgut zu verbrennen. Sie dürfen Saatgut nur noch beim US-Konzern Monsanto kaufen. Das steht wörtlich so im Gesetz. Und das bringt Monsanto einen Schritt näher an sein Unternehmensziel: Monsanto hat nämlich den bescheidenen Anspruch formuliert, in 20 Jahren den Weltmarkt für Saatgut zu 100 Prozent zu beherrschen. Das ist alles, nur 100 Prozent. Die arbeiten daran, und viele bemerken es nicht.

taz: Also Widerstand leisten?

Nicanor Perlas: Die Zivilgesellschaft hat eine gewisse Prominenz erlangt durch ihren Widerstand gegen viele Auswüchse. Aber Widerstand allein kann keine andere Welt erschaffen.

Manfred Max-Neef: Die Konzerne mit ihren Mitteln schlagen, geht nicht. Du kannst nicht gegen ein Nashorn kämpfen, wenn du nicht selbst ein Nashorn bist.

Nicanor Perlas: Wir müssen nun identifizieren, wo die großen Lösungen liegen und wo sie schon verwirklicht sind von den vielen zehntausend Aktiven überall auf der Welt. Das ist bisher zu lokal. Der nächste Schritt - und das ist wirklich die Herausforderung für die weltweite Zivilgesellschaft - wird sein, dieser Kreativität einen Schub zu verleihen, damit die Kräfte zusammenkommen und sich gegenseitig verstärken zur Veränderung der Gesellschaften. Das ist meiner Meinung nach das Wichtigste. Es kann auch auf internationalem Niveau passieren. Es ist nicht unmöglich, denn das Bewusstsein ist jetzt da.

 

taz Nr. 7613 vom 12.3.2005, Seite 4-5, 341 Zeilen (Interview), REINER METZGER


Der Vernetzte

Nicanor Perlas (Jahrgang 1950) ist einer der bekanntesten Globalisierungskritiker aus der Dritten Welt. Er studierte Agrarwissenschaften. Wegen seiner Antiatomarbeit musste er 1978 die Philippinen verlassen. Nach dem Ende des Marcos-Regimes kehrte Perlas zurück und gründete diverse Gruppen und Institute mit. Rund um sein Center for Development Alternatives (www.cadi.ph) entstehen Verfahren für eine umweltgerechtere Landwirtschaft und eine nachhaltige Entwicklung. Solchen Initiativen ist es zu verdanken, dass die Philippinen ein weltweites Musterland bei der Umsetzung der lokalen Agenda 21 sind. 2003 erhielt er den alternativen Nobelpreis. Wichtig sind ihm auch die ethischen Grundlagen der derzeitigen Krise des Systems. Unter den sieben Faktoren, die es bei der Entwicklung lokaler Vorhaben zu berücksichtigen gilt, nennt er angesichts der Religiosität der philippinischen Gesellschaft auch die Spiritualität. REM


Der Retter der Dörfer

Tapio Mattlar, Landwirt und Organisator, ist ein Repräsentant des nationalen Dachverbands der finnischen "Dorfaktionskomitees". Ende der 60er-Jahre wurden die Dörfer in Finnland totgesagt - zu abgelegen von der modernen Welt, so die Diagnose. Doch die Dörfler "weigerten sich einfach zu sterben", wie sie heute stolz von sich sagen können. Eine enorme Bewegung von Dorfaktionskomitees, finnisch Kylatoiminta genannt, entstand. Diese Gruppen organisieren nicht nur die traditionelle Nachbarschaftshilfe, sondern auch das kulturelle Leben. Manche Dörfler sprechen auch vom "konkreten Utopia". Die Bevölkerung in den Weiten Finnlands nimmt seitdem wieder zu. "Wir weigern uns, die ökonomischen Werte über die Lebensqualität zu stellen", sagt Mattlar. "Und wir hoffen, für andere ein ermutigendes Beispiel zu sein." Die Bewegung erhielt 1992den alternativen Nobelpreis.

www.village-action.fi REM                    taz - die tageszeitung 


ORF-Salzburg 15.05.05

"Mehr Weisheit für die Wissenschaften"
76 Träger der Alternativen Nobelpreise kommen im Juni nach Salzburg. Arbeit, Kultur, Menschenwürde und die herkömmlichen Wissenschaften werden dabei kritisch unter die Lupe genommen.

Arbeitswelten im Mittelpunkt
Die Wissenschafter, Projektgründer, Techniker und Betreiber sozialer Innovationen aus vielen Weltgegenden werden bei dem Veranstaltungsmarathon beraten, diskutieren und die Begegnung mit der Salzburger Bevölkerung suchen. Wie Menschen vieler anderer Regionen leidet diese zunehmend unter sozialer Unsicherheit und Arbeitslosigkeit.

Meetings und Workshops stehen deshalb unter dem Titel "Alternativen, die sich rechnen". Anlass ist das 25-Jahr-Jubiläum Alternativer Nobelpreise, die Jakob von Üexküll gestiftet hat und die mit Leopold Kohr und Robert Jungk gleich zwei Salzburgern verliehen wurden. Beide sind verstorben.

Auf Spuren von Kohr und Jungk
Bei der Jubiläumstagung werden Preisträger nicht nur unter sich bleiben.

Sie werden von lokalen Initiativen zu Begegnungen mit der Bevölkerung und Diskussionen eingeladen. Für Ole von Üexküll, den Neffen des Stifters und Mitorganisator des Treffens, ist das eine Neuheit:

"Die Preisträger in dieser Form zusammenzubringen, das hat es bisher weltweit noch nicht gegeben. Es ist eine gewaltige organisatorische Leistung, die hier von Salzburgern durchgezogen wurde. Es ist toll, dass die Menschen nun nicht nur zur Konferenz kommen sondern die Konferenz zu den Menschen hinausgeht."

"Konferenz geht hinaus zur Bevölkerung"
Der vom jungen Üexküll angesprochene Jean Marie Krier arbeitet in Salzburg für das Klimabündnis und hofft auf eine nachhaltige Wirkung des Versuchs:

"Wenn wir die Bevölkerung motivieren können, dass sie Ideen und Visionen entwickelt, die Bedeutung für Arbeitswelt und Umwelt haben, dann erreichen wir das Ziel dieses internationalen Treffens."

Brückenschlag zur regionalen Wirtschaft
Und der grüne Gewerkschafter Robert Müllner ist neben dem Kulturmanager und früheren Stadtpolitiker Alfred Winter (ÖVP) und einem bunten Team einer der Haupt-Initiatoren des Projektes. Müllner hofft, dass Salzburg nun als Region positioniert werden kann, in der nicht nur diskutiert oder gejammert werde:

"Salzburg könnte ein Ort zur internationalen Orientierung werden, wo man sich bemüht, gleich praktikable Lösungen zu finden."

Globalisierungskritik
In Salzburg haben seit den Turbulenzen beim umstrittenen World Economic Forum die Alternativen auch Mitstreiter in der Salzburger Wirtschaft - für eine Zukunft mit mehr Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit.

Der neue Wirtschaftskammerpräsident Julius Schmalz engagiert sich seither auch bei Diskussionen über die Gefahren durch Globalisierung und ungezügelten Wirtschaftsliberalismus.

 

Gegen Betriebsblindheit der Wissenschafter
Offizieller Text des Landes Salzburg zur Einladung der Bevölkerung und Gelehrten:

"Salzburg bietet sich erneut als Zentrum für Ideen, Stätte der Kultur, als Ort der Begegnung und der Auseinandersetzung mit Zukunftsthemen an.

Dass Visionen und Ideen in konkrete Initiativen zum Wohle der Menschen umgesetzt werden können, haben Träger der Alternativen Nobelpreise oft unter schwierigsten Bedingungen mit einer Vielzahl von Projekten gezeigt.

Der Alternative Nobelpreis soll nach Worten seines Gründers Jakob von Uexküll dem industrialisierten Norden helfen, eine Weisheit zu finden, die seiner Wissenschaft gleich kommt ..."

"... Und dem Süden solle er helfen, eine Wissenschaft zu erlangen, die sich mit alten Weisheiten messen kann."

Leben & Werk von Leopold Kohr
Der Austro-Amerikaner und gebürtige Salzburger Leopold Kohr - Ökonom, Politikwissenschafter, Jurist und Journalist - war neben dem Zukunftsforscher und Wahlsalzburger Robert Jungk der einzige Österreicher, der den Alternativen Nobelpreis erhielt.

Kohr gilt als Schöpfer des international bekannten Slogans "Small is beautiful", der eigentlich populistischer Titel eines Buches war und von Kohrs Schüler Fritz Schumacher 1973 in Großbritannien erstmals verwendet wurde, einem Ökonomen.

Gegen Landflucht und Zentralismus
Im Sinne von Kohrs Vorschlägen würde besser passen: "Small is powerful". Er lieferte - teils durch empirische Methoden abgestützt - eine Theorie zur Erhaltung regionaler Strukturen - unabhängig von ethnischen Zugehörigkeiten.

Kohr wurde für viele "Grassroot Movements" zum Schutzpatron im Kampf gegen Landflucht und gegen die Ausbeutung ländlicher Räume durch große Machtzentren.


Salzburger Nachrichten  09. Juni 2005

Gleich mehrere Träger des Alternativen Nobelpreises sind am Freitag, 10. Juni, zu Gast im Pongau. Dazu finden drei Diskussionen vor Publikum statt

 

St. Johann / Goldegg / Bischofshofen. Derzeit findet die Konferenz Alternativer Nobelpreisträger in Salzburg statt. Um die Preisträger auch dem Publikum im Land Salzburg näher zu bringen, wurden Veranstaltungen in den einzelnen Bezirken organisiert.

Jury-Mitglied kommt nach St. Johann So gibt es etwa in St. Johann um 20 Uhr im Kongresshaus am Dom einen Gesprächsabend mit zwei Preisträgern aus Indien und einem US-amerikanischen Jury-Mitglied des "Right Livelihood Award" - so die englische Bezeichnung für den Alternativen Nobelpreis.

Unter dem Thema "Frieden braucht Voraussetzungen" informieren über ihre Arbeit Hannumappa R. Sudarshan, er engagiert sich seit Jahrzehnten für die Überwindung von Armut und mangelnder Bildung sowie für die Rechte des Solinga, einem kleinen indischen Volk; Sonam Dawa, seine Organisation setzt sich für die Erhaltung der Kultur und für Entwicklungsprojekte in Ladakh ein; und Anuradha Mittal, sie ist Jurymitglied und Leiterin der Kampagne "America needs human rights".

Bischofshofen: Tschernobyl-Aufdeckerin In Bischofshofen können Interessierte um 19 Uhr im Kultursaal Bischofshofen mit Alla Jaronshinskaja diskutieren.

Sie stammt aus der Ukraine, ist Journalistin und Politikerin und erhielt 1992 den Alternativen Nobelpreis für ihre journalistische Tätigkeit rund um die Tschernobyl-Katastrophe.

Sie deckte die Lügen und zurückgehaltenen Daten der sowjetischen Behörden auf. In der Glasnost-Periode wurde sie als Abgeordnete in den obersten Sowjet gewählt und fungierte nach dem Zusammenbruch der UdSSR als Beraterin von Boris Jelzin.

Am Vormittag ist sie im Privatgymnasium St. Rupert zu Besuch. Dabei werden auch Klassen der Bischofshofener Hauptschulen teilnehmen.

Der Kulturverein Schloss Goldegg kann am Freitag zwei Preisträger aus Ungarn begrüßen: Judit Vasarhelyi kommt als Vertreterin der Widerstandsbewegung "Duna Kör", die sich gegen ein umstrittenes Staudamm-Projekt an der Donau einsetzte und dafür den Alternativen Nobelpreis erhielt.

Ungarische Preisträger in Goldegg Um 20 Uhr wird sie gemeinsam mit Andras Biro - er erhielt die Auszeichnung für seinen Kampf um die Rechte der Roma und Sinti in Ungarn - an einem Gesprächsabend im Schloss Goldegg teilnehmen.

© SN


Salzburger Nachrichten  09. Juni 2005

 

Jetzt handeln statt nachdenken

 

Die Konferenz der Träger des Alternativen Nobelpreises soll neue Initiativen für die Welt bringen

 

ursula kastlersalzburg (SN). Manfred Max-Neef aus Chile, Träger des Alternativen Nobelpreises 1983, schmunzelte und erzählte dann seine persönliche Geschichte: "Damit Sie wissen, warum ich bin, was ich bin. Der Ursprung von allem war Johannes Brahms. Ich habe Ökonomie studiert und als ich fertig war, nahm ich ein Angebot von Shell an. Bald konnte ich mir einen guten Musikapparat leisten und eines Abends habe ich mich hingesetzt und die Erste Symphonie von Brahms gehört. Im zweiten Satz gibt es ein langsames Thema und plötzlich hörte ich die Frage daraus: ,Was machst Du mit Deinem Leben?´ Ich habe mich als großen Mann bei Shell gesehen, aber ich wusste in dem Moment, das bin ich nicht."

Max-Neef verließ den Konzern und fing in den Armutsvierteln von Lateinamerika sein Leben neu an. "Daher kommt meine Barfuß-Ökonomie. Wenn man im Schlamm steht und mit einem Mann redet, der hungert, fünf Kinder hat und keine Arbeit, dann ist man mit der herkömmlichen Ökonomielehre fehl am Platz." Was er von diesen Menschen gelernt habe, sei "kolossal" gewesen: "Die Armen sind - um zu überleben - die kreativsten Menschen. Diese Kreativität muss stimuliert werden, aber niemand fragt die Leute."

Die Welt mit anderen Augen sehen: Das ist ein Grundthema, um dessentwillen sich dieser Tage in Salzburg 75 Alternative Nobelpreisträger treffen. Jakob von Uexküll, Stifter und Gründer der "Right Livelihood Foundation", machte Mittwoch in Salzburg darauf aufmerksam, "dass es jetzt Zeit ist, vom Nachdenken zum Handeln überzugehen. Die Menschen haben durch unsere Arbeit Hoffnung bekommen. Regional hat sie etliches verändert, doch die Situation der Welt hat sich nicht verbessert".

Peter Braun, "Hausherr" von St. Virgil freute sich über das rege Interesse der Salzburger an den Preisträgern: "Am Samstag, 11. Juni, bietet sich ab 11.00 Uhr in St. Virgil die einzigartige Gelegenheit, mit den Preisträgern über die Herausforderungen der Gegenwart zu sprechen." 500 Anmeldungen sind bereits eingegangen.

Sonntagabend bittet Reinhold Wagnleitner, wissenschaftlicher Beirat der Leopold-Kohr-Akademie, zum "Akademischen Wirtshaus" mit Preisträgern und Wegbegleitern von Kohr (17.00 bis 20.00 Uhr, Gasthof Maria Plain). Lesetipp: Rechtzeitig zur Konferenz erschienen ist das Buch "Vorbilder - Menschen und Projekte, die uns hoffen lassen. Der Alternative Nobelpreis" von Jürgen Streich. 400 S., Kamphausen Verlag 2005.

© SN


Salzburger Nachrichten  09. Juni 2005

Nobelpreisträger im Lungau

 

Im Hiasnhof in Göriach diskutieren am Freitag, 10. Juni, ab 10.30 Uhr alternative Nobelpreisträger über die Sorgen dieser Welt.

tamsweg/Göriach. "Tag der Begegnung" nennt sich der Aktionsschwerpunkt der Organisation "Alternativer Nobelpreis", der eine ganze Reihe von Preisträgern in die Salzburger Regionen reisen lässt. Auch in den Lungau.

Seit nunmehr 25 Jahren wird der von Jakob von Uexküll geschaffene Alternative Nobelpreis ("Right Livelihood Award") an Menschen und Institutionen verliehen, die sich um eine "andere", das heißt gerechtere, umweltfreundlichere und friedlichere Zukunft bemühen.

Jubiläumstreffenin Salzburg Anlässlich dieses Jubiläums kommen die meisten der Preisträgerinnen und Preisträger vom 8. bis 13. Juni in Salzburg zusammen. Das Treffen wird zuallererst dem Erfahrungsaustausch der Alternativnobelpreisträger untereinander dienen. Daneben aber wird den Salzburgern in Stadt und Land auch die Möglichkeit geboten, mit dem ein oder anderen Preisträger ins Gespräch zu kommen.

So werden am 10 Juni, dem "Tag der Begegnung", die Alternativnobelpreisträger ausströmen und an Veranstaltungen im ganzen Bundesland teilnehmen.

Die Lungauer erwarten an diesem Tag Lara Lutzenberger, die Tochter des brasilianischen Umweltpioniers José Lutzenberger, Helena Norberg-Hodge, Kämpferin für eigenständige Regionalentwicklung und gegen Globalisierung, sowie Sithembiso Nyoni von ORAP, einer afrikanischen Organisation, die sich um regionale Selbstverwaltung bemüht.

Zahlreiche Lungauer Institutionen und Vereine stehen hinter diesem Treffen: Ernte-Verband Salzburg, Frauennetzwerk Lungau, Gemeinde Göriach, Katholisches Bildungswerk, Lungauer Kulturvereinigung, Salzburger Bildungswerk, "Slow Food Lungau" sowie viele engagierte Privatpersonen.

Die Teilnehmer werden mit den Preisträgern über die Gemeinsamkeiten in der Situation und den Problemen der ländlich-peripheren Regionen des Nordens und des Südens reden. Und nachfragen, inwieweit es gemeinsame Lösungen für globale Probleme wie Landflucht, Umweltzerstörung oder Bauernsterben gibt.

Über die Problemeländlicher Regionen Dabei sollen die Möglichkeit und Notwendigkeit regionaler Selbstbestimmung thematisiert werden. Und schließlich soll auch der Frage nachgespürt werden, ob es spezifisch weibliche Antworten auf die Probleme der Zeit gibt.

Der Eintritt zu dieser Veranstaltung am Freitag, 10. Juni (10.30 Uhr), im Hiasnhof ist frei. Für das leibliche Wohl sorgen die Lungauer Biobauern.

© SN


ORF-Salzburg 11.06.05

Tschernobyl-Aufdeckerin in Bischofshofen
Dutzende Träger des Alternativen Nobelpreises sind nun im Land Salzburg unterwegs, um im Kontakt mit der Bevölkerung ihre Ideen, Vorschläge und Anliegen zu präsentieren und zu diskutieren.

Tuchfühlung mit Salzburgern
In Bischofshofen beispielsweise hat Alla Jaroschinskaja, Alternativnobelpreisträgerin, freie Journalistin und ehemalige Politikerin, über die Hintergründe der atomaren Katastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl berichtet - vor Schülern.

Am Freitagabend hielt sie noch einen Vortrag im Stadtsaal von Bischofshofen und diskutierte mit der Bevölkerung.

Die Reporterin aus der Ukraine hatte damals mit der Veröffentlichung der Protokolle alle Vertuschungsversuche der Regierung nach der Explosion im April 1986 verhindert und großes öffentliches Interesse in der damaligen Sowjetunion hervorgerufen.

 

Lügen der Behörden ans Licht gebracht
Jaroschinskaja hatte die Lügen und die zurückgehaltenen Messdaten der damals noch sowjetischen Behörden schonungslos an die Öffentlichkeit gebracht.

Im Privatgymnasium St. Rupert auf dem Kreuzberg in Bischofshofen richtet die Ukrainerin eindringliche Worte an die Jugend. Schüler sind ihr besonders wichtig:

"Es ist mir ein Anliegen die Jugend zu erreichen. Denn nächstes Jahr ist es 20 Jahre her, dass diese größte Katastrophe aller Zeiten geschehen ist.

Seither versuchen die Menschen das zu verdrängen, doch neun Millionen leiden noch immer unter den Spätfolgen der Verstrahlung.

Das zu wissen ist für die Jugend in westlichen Ländern sehr wichtig. Denn für sie ist Tschernobyl in erster Linie ein geschichtliches Ereignis, das kaum etwas mit der Gegenwart zu tun habe."

"Österreich - mein Lieblingsland"
Man müsse aus solchen Ereignissen für alle Zukunft lernen. Niemals könne da ein Schlussstrich gezogen werden, sagt die Journalistin.

Sie bezeichnet Österreich als ihr Lieblingsland, auch weil sich die Bevölkerung gegen die Nutzung atomarer Energie ausgesprochen hat:

"Große Tat vollbracht"
"Österreich hat eine Pionierleistung für die Weltgemeinschaft damit erbracht. Jeder, der die Gefahren kennt, gratuliert Ihnen zu dieser Entscheidung damals.
Das Nein zur Atomenergie ist eine große Tat. Österreich ist ein Beispiel in der Welt dafür, dass man diese Systeme und ihre Vertreter stoppen kann."


ORF-Salzburg 11.06.05 

Alternative Nobelpreisträger als Schützenhilfe
Die Gemeindepolitiker in Mittersill (Pinzgau) bemühen sich im Kampf um die Erhaltung des Krankenhauses um jede Unterstützung. So haben sie Freitagabend zwei alternative Nobelpreisträger eingeladen, die mit regionalen Entwicklungsprojekten bekannt wurden.

Mattlar: "Konzentration im Abklingen"
Der Engländer John Turner und der Finne Tapio Mattlar waren die Ehrengäste in Mittersill. Gemeindepolitiker zeigten ihnen die Schulen, das touristische Angebot und vor allem die medizinische Versorgung in Form des Krankenhauses in der größten Gemeinde des Oberpinzgaus.

Der gelernte Musiker Mattlar hat eine große Selbsthilfebewegung zur Sicherung der ländlichen Infrastruktur in Finnland initiert: "Ich denke, die Zeiten der Konzentration sind in Finnland im Abklingen", sagt Mattlar, "Es beginnt jetzt eine Phase, in der das ländliche Leben voll respektiert und auch wieder unterstützt wird."

 

Abhängigkeit von zentralen Institutionen
Nach dem Besuch kamen auch von John Turner warnende Worte. Er hat als Städteplaner in Peru funktionierende Siedlungen für Obdachlose aufgebaut.

"Ich habe eine universelle Lektion gelernt, die in Peru wie hier gilt", sagt der alternative Nobelpreisträger, "In unserer modernen Welt sind wir schon viel zu abhängig geworden - abhängig von zentralen Institutionen und staatlichen Einrichten - und natürlich auch von global gesteuerter Industrie."

Besuch "gibt Kraft"
Für Mittersills Vizebürgermeister Roman Oberlechner (SPÖ) war das Besuch ein Motivationsschub: "Es gibt Kraft, wenn man sieht, dass eine Dorferneuerungsbewegung in Finnland jetzt sehr stark von der EU profitiert. Es wird so sein müssen, dass die Region nach wie vor zu diesem Haus steht beziehungsweise die Bevölkerung dem Haus den Rücken stärkt."

Mehr als 6.000 Oberpinzgauer haben für den uneingeschränkten Weiterbestand des Mittersiller Krankenhaus unterschrieben. Nahezu 70 Prozent aller Leistungen sollen nach den Einsparungsplänen an Zell am See abgegeben werden.


Salzburger Nachrichten  11. Juni 2005

Der Standpunkt: Hoffnungsvolle Ideen für eine bessere Welt

 

HELMUT L. MÜLLER

Es war eine faszinierende Begegnung mit Denkern und Aktivisten aus der ganzen Welt. Beim Jubiläumstreffen der Alternativen Nobelpreisträger konnten die Menschen in Stadt und Land Salzburg erleben, wie viele gute, praktikable Ideen für eine bessere Welt es gibt. Unser geschundener Planet hätte diese Medizin bitter nötig. Die rasante Destabilisierung des globalen Klimas ist ein Stichwort, das wachsende Gefälle zwischen Arm und Reich ein anderes. Doch noch mangelt es an der Umsetzung der sehr konkreten Utopien.

Zwar hat der vor 25 Jahren begründete Alternative Nobelpreis längst die verdiente Anerkennung gefunden. Nichts unterstreicht diese Aufwertung deutlicher als die Tatsache, dass Wangari Maathai 2004 den Friedensnobelpreis erhielt, nachdem die Umweltpolitikerin aus Kenia 20 Jahre zuvor schon mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden war. Die Initiativen der "Alternativen" haben in einzelnen Weltregionen die Dinge bereits verändert; ihre Modelle werden inzwischen vielfach auf anderen Kontinenten nachgeahmt. Doch die große Welt-Wende ist bisher nicht gelungen.

Denn nach wie vor setzen wir in unserem Denken falsche Prioritäten. Die Machthaber finden noch mit jeder Nichtigkeit enormes Echo. Projekten von Bürgern aber, die zum Nutzen der Menschheit sind, bleibt oft die Publizität versagt. Es ist ein Trugschluss, dass die Erste Welt die Rezepte für die Lösung der Weltprobleme in der Hand hält - trotz der Irrwege einer umweltfressenden Industrialisierung und einer schrankenlosen Globalisierung. Tatsächlich aber verfügen die Länder des Südens über andere, gangbare Wege und viel Weisheit.

Für eine Umkehr der Weltgesellschaft wäre eine Reform der internationalen Institutionen vonnöten. Aber dieser Prozess ist langwierig, wie die quälende Debatte in der UNO zeigt. Zu viel ist davon nicht zu erwarten - schon deswegen nicht, weil jede grundlegende Veränderung blockiert wird durch Washington, das sogar den minimalsten Machtverlust scheut. Politische Parteien, etwa in Europa, haben stark an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Demokratisch gewählte Politiker haben einen zu kurzen Zeithorizont, weil sie stets an den nächsten Wahltermin denken. Kurzfristiges Wirtschaftsdenken dominiert, weil etwa der US-Präsident mit seiner Politik die Wahlkampfspenden mächtiger Interessengruppen zurückzuzahlen hat.

Hoffnung auf einen "Paradigmenwechsel" wecken in erster Linie Initiativen "von unten" - sofern sie ihre Kräfte bündeln und Verbündete in den Medien gewinnen. Es fehle eine "Lobby für die Zukunft", sagt Jakob von Uexküll, der Stifter des Alternativen Nobelpreises. Der von ihm angeregte "Weltzukunftsrat" könnte diese Rolle spielen. Salzburg, die Stadt von Robert Jungk und Leopold Kohr, darf sich glücklich schätzen, Teil dieser globalen Zukunftswerkstätte zu sein.

© SN.


Salzburger Nachrichten  11. Juni 2005

ZUKUNFTSRAT

 

Lobby für Ideen 

"Es fehlt eine Lobby für die Zukunft, für gute Ideen," sagt Jakob von Uexküll. Wir brauchten heute eine längerfristige Perspektive, und wir brauchten eine glaubwürdige Institution, die sie vertrete.

Der Gründer des Alternativen Nobelpreises hat deshalb die Bildung eines Weltzukunftsrates vorgeschlagen. "Er soll ein Rat der Weisen, der Pioniere und der Jugend (leaders of tomorrow) sein," erläutert Uexküll im SN-Gespräch.

Rat der "Weltbürger" 

Für den "World Future Council" kommen natürlich Träger des Alternativen Nobelpreises, aber auch andere Persönlichkeiten in Frage. Die 100 bis 120 Mitglieder des Rates sollen von 24 kleinen Expertengruppen zu den wichtigsten globalen Themen unterstützt werden.

Die "Weltbürger" des Rates sollen die Anregungen der Ausschüsse aufgreifen, veröffentlichen und mit ihrer moralischen Macht unterstützen. Anhörungen (hearings) wird es nach den Plänen von Uexküll ebenso geben wie Kampagne-Aufrufe (action alert), um die Öffentlichkeit für die Sache zu mobilisieren. Schließlich will der Zukunftsrat zusammen mit demokratischen Abgeordneten weltweit dafür sorgen, dass die Vorschläge in die nationalen Parlamente eingebracht und als Gesetzesvorlagen formuliert werden.

Stimme der Zukunft 

Jakob von Uexküll ist dafür, dass sich auch auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene Zukunftsräte bilden. Diese könnten, wie offenbar in der Schweiz schon vorgesehen ist, verfassungsmäßige Gremien werden, die sich nur mit qualifizierter Mehrheit überstimmen ließen. "Damit gibt man der Zukunft wirklich eine formale, verfassungsmäßige Stimme," sagt Uexküll, "ohne allerdings ein Zukunftsveto zu schaffen". Denn das wäre in einer Demokratie nicht machbar.

Viele der Themen, welche die Zukunftsräte beschäftigen sollen, haben die Arbeitsgruppen des Salzburger Treffens vorgegeben. Sie reichten von "Frieden und Sicherheit für alle" über "nachhaltiges Leben" bis zum Naturschutz und zum "neuen Wirtschaften".

Jakob von Uexküll wünscht sich eine Welt, "in der es eine Vielfalt von Alternativen gibt - statt nur einer." mü

© SN.


Salzburger Nachrichten  11. Juni 2005

Gegen die Markt-Macht

 

Die Globalisierung schadet Mensch und Natur. Sie muss dringend geändert werden. Das sagen die Alternativen Nobelpreisträger bei ihrem Treffen in Salzburg.

HELMUT L. MÜLLERSALZBURG (SN). Das südindische Kerala hat ein Entwicklungsmodell etabliert, das wirklich funktioniert für die Armen. Alle sozialen Indikatoren deuten darauf hin, dass dieser Bundesstaat, der noch ärmer ist als der indische Durchschnitt, bei Bildung und Gesundheitsversorgung viel näher an den Industriestaaten liegt als am Rest der "Dritten Welt".

Aber jetzt ist auch dieses Erfolgsmodell in den Sog der Globalisierung geraten. Plötzlich können die Verantwortlichen in Kerala ihre eigene regionale Wirtschaft nicht mehr kontrollieren. Die Menschen sehen sich neuen Zwängen ausgesetzt, sich in eine Ökonomie zu integrieren, in der alles am Geld gemessen wird. 

Westliche Firmen benützen indische Götterfiguren in ihren TV-Anzeigen, um für ihre Konsumgüter zu werben. Neue Erwartungen werden geweckt, die einheimische Erzeugnisse verdrängen. Folge: Sogar die Ärmsten, die noch vor wenigen Jahren bargeldlosen Austausch praktiziert haben, werden abhängig von Geldverleihern.Globale Zivilgesellschaft ist heute "dritte Kraft" Rajendra Ravi ist davon überzeugt, dass gegen diese Form der Globalisierung nur weltweite Allianzen der Bürger helfen. "Wir müssen auf lokaler Ebene kämpfen, aber auf globaler Ebene einander beistehen," versichert er im SN-Gespräch.

Ravi vertritt die indische Gruppe "Lokayan" (übersetzt: "Dialog der Menschen"), die bereits 1985 für die Vernetzung und Stärkung lokaler politischer Gruppen den Alternativen Nobelpreis erhalten hat. Es sei eine "Graswurzel"-Organisation, erläutert Ravi, die den Dialog zwischen den einfachen Leuten und den politischen Parteien herstellen solle. Die politisch Handelnden könnten auf diese Weise lernen, eine gute, bürgernahe Politik zu machen.

Auf den Philippinen hat der Prozess der Globalisierung insbesondere den Agrarsektor schwer getroffen. Das asiatische Land verzeichnet wachsende Importe "billiger" Lebensmittel. "Billig" sind diese Einfuhren aus anderen Staaten in erster Linie deshalb, weil in ihre Preise weder Umweltkosten noch die Nichtbeachtung von Minimalstandards zum Schutz der Arbeiter eingerechnet worden sind. In der Praxis führen diese Billigimporte (sogar von Reis) auf den Philippinen dazu, dass ganze Bereiche der Landwirtschaft zusammenbrechen. Die Arbeitslosigkeit steigt drastisch.

Nicanor Perlas glaubt deshalb, dass gegen diese Art der Globalisierung nur "sehr starke Staaten" etwas ausrichten könnten. Denn wenn der Staat geschwächt sei, erklärt Perlas im SN-Gespräch, werde dieser ökonomische Prozess viele Aspekte des sozialen Lebens in einem Land zerstören.

Perlas, im Jahr 2003 zusammen mit seinem Kollegen Walden Bello mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt, hat Bürgerinitiativen auf den Philippinen, im eigenen Land also, aber auch internationale Netzwerke gegründet. Seine Vision ist eine neue Weltgesellschaft, in der nicht mehr Ökonomie und Politik allein zu zweit dominieren, sondern als dritter Pol die Zivilgesellschaft ein Gegengewicht bildet.

Der Experte verweist darauf, dass es seiner Bewegung gelungen sei, auf den Philippinen ein Gesetz gegen die Armut auf den Weg zu bringen. Aber auf nationaler Ebene, meint Perlas, sei der Staat oftmals stärker als die zivile Gesellschaft. "Die Zivilgesellschaft muss so stark werden, dass sie nicht mehr von der Regierung ignoriert werden kann, ohne dass dies Folgen für die Politik der Regierung hätte."

Auf der Weltebene sei die zivile Gesellschaft neben Staat und Markt längst zur "dritten Kraft" geworden, bilanziert Perlas. Die großen UNO-Konferenzen der 90er Jahre hätten viel dazu beigetragen, eine solche globale Zivilgesellschaft zu formen. Alle empirischen Erhebungen zeigten, dass diese globale "civil society" wohl auf Dauer Einfluss auf das Weltgeschehen ausüben dürfte.

Perlas ist demzufolge sicher, dass der aktuelle Prozess der Globalisierung neu gestaltet werden kann. Immerhin habe die globalisierungskritische Protestbewegung schon erreicht, meint er, dass der "Washingtoner Konsensus" der neoliberalen Ökonomie bröckle. Wortführer des globalisierten Weltmarktes argumentierten auf einmal, wie wichtig Institutionen seien.

Doch die Kräfte, die diese Art der Globalisierung geschaffen hätten, seien selbst "sehr gut vernetzt", konstatiert Jakob von Uexküll. Der Stifter des Alternativen Nobelpreises nennt die "Denkfabriken" in den USA und Großbritannien - mit all ihren Alliierten in der Politik und in den Medien. Als Zukunftsmarkt schlechthin gelte jetzt China, sagt Uexküll, "obwohl die ökologischen Grenzen des dortigen Wirtschaftswunders schon überall sichtbar sind". Aber die Globalisierung sei "kein Naturereignis", sondern sie beruhe auf "Regelwerken". Diese Regelwerke könnten schon 

morgen geändert werden.

© SN


Salzburger Nachrichten  11. Juni 2005

 

Neues Leben im Dorf

 

Finnlands Dörfer drohten zu veröden. Statt auf die Hilfe der Politik zu warten, haben die Menschen ihr Schicksal in die Hand genommen und selbst angepackt.

anton kaindlmittersill (SN). Hat das Leben in den Dörfern abgelegener Regionen eine Zukunft? Für Tapio Mattlar, einen Aktivisten der finnischen Dorferneuerungsbewegung "Village Action Movement", lautet die Antwort eindeutig ja.

Noch vor 40 Jahren lebte jeder zweite Finne auf dem Land. Die starke Industrialisierung in den 60er- und 70er-Jahren löste eine Abwanderung in die Ballungszentren aus. Das ländliche Leben versiegte und die Dörfer begannen teilweise zu verfallen. "Das war der Zeitpunkt, als die Leute ihr Schicksal in die eigene Hand nahmen", sagte Mattlar am Freitag bei einer Diskussion mit Gymnasiasten in Mittersill im Salzburger Oberpinzgau.

Anstatt auf die Hilfe der Politik zu warten, gründeten die Menschen zahlreiche Dorfkomitees, die Projekte aus eigener Kraft auf die Beine stellten. Die Projekte sollten die Dörfer wieder beleben und neue Bewohner anziehen. Sie alle basierten auf den Grundsätzen Teamwork und freiwillige Arbeit. So halfen die Bewohner eines Ortes in einem Lebensmittelgeschäft aus, dem die Schließung drohte, und konnten den Laden so am Leben erhalten. Andernorts wurden Straßen, Kinderspielplätze oder eine Wasserversorgungsanlage von den Einheimischen errichtet. Daneben bemühte man sich, kulturelle Traditionen wieder zu beleben. In zahlreichen Gemeinden wurden Theatergruppen gegründet. Das bei den Aufführungen verdiente Geld floss wieder in neue Projekte. 1992 erhielt die Dachorganisation der finnischen Dorferneuerer den Alternativen Nobelpreis.

"Am Anfang waren die lokalen Politiker gegen die Komitees", sagte Mattlar. "Sie sahen das als eine Art Rebellion an. Inzwischen hat es sich aber gebessert." Der finnische Staat unterstützt die Projekte mit Förderungen. Ohne die Eigenleistung der Dorfbewohner wäre das meiste allerdings nicht finanzierbar gewesen. Der EU-Beitritt Finnlands 1995 brachte neues Fördergeld ins Land. Durch ihre Erfahrung wurden die Dorferneuerer laut Mattlar zu Meistern im Lukrieren von EU-Mitteln. Er sieht diese Entwicklung allerdings mit Misstrauen: "Es hat sich gezeigt, dass Geld nicht immer glücklich macht. Teilweise gab es Streit, weil zu viel Geld da war."

Mattlar war nicht zufällig im Oberpinzgau zu Gast. Die Region kämpft ebenfalls gegen die Abwanderung. Jobs sind rar. Von den etwa 25 Gymnasiasten, die bei der Diskussion teilnahmen, will nur eine einzige Schülerin nach der Matura im Ort bleiben.

Der Finne erklärte dazu, in seiner Heimat werde nicht versucht, die Jungen in den Dörfern zu halten. "Wir wollen, dass sie studieren. Viele kommen jetzt aber wieder zurück. Wir wollen zeigen, dass das Leben am Land nicht altmodisch ist. Neue Technologien haben neue Berufe geschaffen. So kann ich auch auf dem Land als Web-Designer arbeiten. Die Frage ist, ob ich die Lebensqualität auf dem Land haben will. Wenn ich das will, dann finde ich eine Möglichkeit. Es ist dort noch niemand verhungert."

Vom Rockmusiker zum Schafbauern Tapio Mattlar selbst hat sich bewusst für das Leben auf dem Land entschieden. Dafür nimmt er in Kauf, dass in seinem Dorf nur drei Mal in der Woche ein öffentlicher Bus vorbeikommt und der Weg zum nächsten Krankenhaus 100 Kilometer beträgt. Dimensionen, die für österreichische Verhältnisse derzeit noch unvorstellbar sind.

Mattlar wurde 1953 in Helsinki geboren. Nach eigenen Angaben ist er Musiker, seit er mit zehn Jahren die erste Gitarre in die Hand bekam. Er spielte in zahlreichen Bands und gründete unter anderem 1971 eine der ersten Hardrock-Formationen Finnlands. Ende der 70er-Jahre hatten Mattlar und seine Familie genug vom Leben in der Stadt und kauften einen Bauernhof mit 37 Hektar Grund. Dort widmet er sich der Schafzucht. Nebenbei macht er immer noch Musik - in einer Folkband. In den frühen 80er-Jahren trat Mattlar dem "Village Action Movement" bei und gründete 1989 dessen Zeitung. 1992 nahm er stellvertretend für die Organisation den Alternativen Nobelpreis entgegen.

© SN


Salzburger Nachrichten  11. Juni 2005

Japan

 

Club der Konsumenten

Die Besichtigung des Berggasthofs "Bachrain" und der Landwirtschaft in Scheffau fällt kurz aus. Die Japanerinnen Masako Okuda und Ryoka Shimizu frieren auf fast 1000 Metern Seehöhe im Salzburger Tennengau. Nicht einmal zehn Grad hat es am Freitagvormittag. Die Wolken hängen tief, es nieselt leicht. Aber die beiden Frauen sind ja auch nicht gekommen, um den prachtvollen Ausblick vom Moosegg zu genießen, sondern um ihre mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnete "Seikatsu Club Consumer's Cooperative"Salzburger Landwirtschaftsexperten und Schülern vorzustellen.

Neuer Lebensstil

Der Seikatsu Club ist Ende der 60er-Jahre als kleine Lebensmittelkooperative gegründet worden, heute gilt er als Modellprojekt alternativen Wirtschaftens. Die Organisation zählt mittlerweile 1,5 Millionen Mitglieder. Propagiert wird ein neuer Lebensstil, der die Gesundheit der Menschen und die Umwelt schützt. Ziel ist, die Gesellschaft durch eine weniger anspruchsvolle Lebensweise zu verändern.

Enge Beziehung

Das Neue an der japanischen Kooperative sei die enge Beziehung zwischen Landwirten und Konsumenten, sagt Hans Embacher, Geschäftsführer von "Urlaub am Bauernhof".

Für Andreas Schwaighofer von "Bio Austria" Salzburg ist beispielhaft, dass den Produzenten ein kostendeckender Preis angeboten werde. "Der Club hat mit neuen Handelsstrukturen eine Alternative zu den der ,big player' entwickelt." Schwaighofer nimmt vom "Tag der Begegnung" in Scheffau die Erkenntnis mit, dass sich die heimischen Landwirte noch mehr nach Kundenbedürfnissen ausrichten müssen.

Manfred Siller vom Berggasthof Bachrain sagt: "Es ist interessant, solche Leute kennen zu lernen und zu sehen, was dieser Club in Japan bewegt hat." Seiner Meinung nach muss es in Österreich in Richtung Gesamtökologisierung der Landwirtschaft gehen und dabei gleichzeitig die Akzeptanz der Konsumenten gefunden werden. "Ich will zeigen, dass Bio gut schmeckt und auch leistbar ist." SN, pab 

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