Festrede
Jakob von Uexküll, Founder and Chairman,
The
Right Livelihood Award,Salzburg
Werte
Frau Landeshauptfrau Burgstaller,
werter
Herr Landeshauptmann-Stellvertreter Haslauer,
Eminenz
Erzbischof Kothgasser,
meine
sehr verehrten Damen und Herren,
Zuerst
meinen herzlichen Dank – auch im Namen der Right Livelihood Stiftung
und unserer Preisträger - für die Einladung nach Salzburg und für
diesen Festakt als feierlichen Höhepunkt unseres Treffens. Wir sind
sehr froh, wieder hier zu sein, denn diese Stadt kombiniert Geschichte
und Kultur-Reichtum mit Welt- und Zukunftsoffenheit – symbolisiert in
den Persönlichkeiten der beiden Salzburger und Weltbürger, die
den Right Livelihood Preis erhalten haben: Prof. Leopold Kohr und Prof.
Robert Jungk. Der eine mahnte zur Rückkehr zum menschlichen Maß, der
andere schuf Zukunftswerkstätten. Nur Salzburg konnte eine solche
Kombination hervorbringen!
Als
junger Journalist kam ich 1979 zu einer großen UNO-Konferenz in Österreich
über Wissenschaft und Technologie für Entwicklung. Ich fand es sehr
spannend, dass in den vorbereitenden Papieren recht forschrittskritisch
diskutiert wurde. Man bezweifelte, dass die Übertragung der westlichen
Technologie und Wissenschaft auf die ganze Welt wirklich die Lösung
sei. Aber in der Schlusserklärung war von dieser gesunden Skepsis
nichts mehr übrig. Ich habe dann beim Schlussempfang den Generalsekretär
der Konferenz gefragt, warum? Er antwortete: „The world is not ready
for that yet“ – die Welt ist noch nicht so weit.
Sehr
viele Menschen warten noch immer bis die Welt so weit ist. Right
Livelihood Preisträger arbeiten daran, die Welt dahin zu bringen, bevor
es zu spät ist. Denn unsere Macht ist beispiellos und daher auch unsere
Verantwortung – sowohl für unser Handeln wie für unser Nichthandeln.
Auf einem großen Wissenschaftskongress in Stockholm wurde letztes Jahr
verkündet, dass jetzt eine neue geschichtliche Ära angebrochen ist,
das anthropozene Zeitalter, in dem der Mensch die Natur beherrscht wie
nie zuvor, von den Blauphasen des Lebens bis zum Klima.
Das
Problem ist, dass diese beispiellose Machtergreifung verbunden ist mit
dem Sieg einer individualistisch-autistischen Ideologie, die Egoismus
und Habgier feiert. In jeder früheren Zivilisation waren das
Eigenschaften, die nur in Notsituationen geduldet waren.
Die
Arbeiten unserer Preisträger sind als Projekte der Hoffnung bekannt,
weil sie zeigen, dass Lösungen für viele globale Herausforderungen
existieren. Warum aber werden diese nicht – oder nur viel zu langsam
und zögerlich – umgesetzt? Warum wächst dieses Umsetzungsdefizit,
obwohl die Dringlichkeit einer grundlegenden Wende immer
offensichtlicher wird?
Der
Hauptgrund ist psychologischer Natur. Wir sind Gefangene einer
eindimensionalen Fortschrittsideologie, die mit fundamentalistischem
Eifer Alternativen blockiert. Sie behauptet, wissenschaftlich fundiert
zu sein, aber in Wirklichkeit benutzt sie die Wissenschaften sehr
selektiv, um ihre Dogmen zu untermauern.
Vor
einigen Jahren fragte die US-Regierung den renommierten Bio-Semiotiker
Prof. Thomas Sebeok, ob er eine Zeichensprache entwickeln könnte für
die Lagerstätten atomarer Abfälle, mit deren Hilfe man den Menschen
noch nach Zehntausenden von Jahren vor der dortigen Gefahr waren könnte.
Sebeok hielt dies nicht für möglich und empfahl statt dem die
Einrichtung einer erblichen „Priesterschaft“ zur Bewachung dieser
Anlagen. Man merke: Wenn Wissenschaftler die Folgen ihrer Entscheidungen
verantworten müssen, dann rufen sie nach Priestern. Oder wie der Vater
der britischen Konsumgesellschaft, Premierminister Macmillan, es ausdrückte:
„Wer Moral will, soll zum Erzbischof gehen!“
Der
große Historiker der menschlichen Zivilisation, Arnold Toynbee, hat
viele untergegangene Gesellschaften untersucht und festgestellt, dass
der auslösende Moment der Verlust der Glaubwürdigkeit der Eliten war.
Wie
sollen die heutigen Herausforderungen von Institutionen bewältigt
werden, die in regelmäßigen Umfragen nur von den wenigen Prozenten der
Bevölkerung als vertrauenswürdigen angesehen werden?
Es
wird heute nach einer neuen Ethik gerufen, aber wo soll diese plötzlich
herkommen? Viele Untersuchungen zeigen, dass es weltweit quer durch
Kulturen, Religionen und sozialen Schichten einen breiten Konsens über
menschliche Werte und Werte-Prioritäten gibt. Wir wollen alle unseren
Kindern eine bessere und keine schlechtere Welt überlassen. Wir wollen
respektiert werden und vertrauen können. Das Gebot der Reziprozität
findet sich in allen Religionen.
Wir
sind potenziell sowohl Teufel wie Engel. Die entscheidende Frage ist
aber, welche Eigenschaften von der Gesellschaft honoriert und bestätigt
werden. Nur unsere moderne Konsumgesellschaft erwartet, dass wir unsere
Bedürfnisse nach Ritualen und Erfüllung durch Konsum befriedigen. Nur
in dieser Gesellschaft ist es möglich, dass der Regierungschef seine Bürger
auffordert, etwas für ihr Land zu tun, indem sie noch mehr konsumieren,
wie kürzlich in Deutschland.
Die
Stimme unserer Werte als Bürger und Menschen wird heute immer mehr
durch den Lärm der Konsum-Propaganda übertönt und eingeschüchtert,
und dieses schon bei Vorschulkindern. Das Ergebnis ist eine Kultur der
permanenten Unzufriedenheit, Unreife und Verantwortungslosigkeit. Hätten
unsere Vorfahren so gelebt, so wären wir nicht hier, sondern längst
ausgestorben.
Gustavo
Esteva, ein hoher UN-Beamter, der nach seiner Pensionierung unter den
Armen in Mexico City lebt, berichtet, wie Menschen, die dort
wirtschaftlich erfolgreich waren, in die Villen-Vorstädte der Reichen
umzogen, um ihrem Reichtum zu genießen, weil unter den Armen erwartet
wurde, dass sie diesen teilten. Aber viele kamen wieder zurück, weil
ihnen der menschliche und soziale Reichtum ihrer alten Welt zu sehr
fehlte und ihnen mehr bedeutete als die Möglichkeit, mehr zu
konsumieren.
Für
die meisten Menschen gibt es andere Prioritäten als eine möglichst große
Auswahl von Konsumgütern. Aber wo ist die Stimme dieser Prioritäten?
Wo ist in der derzeitigen Reform-Diskussion die Stimme unserer
Verantwortung für unsere Um- und Nachwelt? Wo ist die Stimme der Kinder
und zukünftiger Generationen?
Die
derzeitige Politik, ist an ihre Grenzen gestoßen. Was nützen
demokratische Reformen und Institutionen, wenn sie nur noch Ohnmacht
demokratisieren, weil alle wichtigen Beschlüsse woanders gefasst
werden? Wir feiern die Demokratisierung in Afrika, Asien, usw., aber die
dortigen Parlamentarier klagen, sie hätten kaum noch etwas zu
entscheiden. Dies ist eine sehr gefährliche Entwicklung, weil
Politiker, die keine Alternativen bieten, sich nur noch mit dem Schüren
von Misstrauen und Hass und der Suche nach Sündenböcken profilieren können,
wie wir es vor kurzem in Indien erlebten …
Wie
können wir von einer demokratischen Welt reden, solange 35.000 Menschen
täglich an Hunger sterben, obwohl nach UN-Berechnungen die globale
Nahrungsmittelproduktion ausreichen würde, die 1,5fache Weltbevölkerung
zu ernähren?
Es
wird behauptet, das zerzeitige System diene der Wirtschaft. Aber sind
Unternehmer wirklich so dumm, dass sie die Basis menschlichen
Wirtschaftens, nämlich das ökologische und soziale Grundkapital zerstören?
Wollen sie wirklich, wie es der britische Milliardär Sir James
Goldsmith ausdrückte, „auf der Titanic im Poker gewinnen?“ Ich
glaube es nicht, denn kein Zukunftsprogramm bietet mehr unternehmerische
Chancen als der dringend erforderliche zukunftsgerechte Umbau unserer
Weltwirtschaftsordnung.
Wir
müssen z. B unser gesamtes Produktionssystem umbauen, zu einem System
integrierter Kreisläufe. Wir müssen – und können – mit Hilfe der
Natur (statt mit naiv-gefährlichen Gen-Experimenten) gesunde Nahrung für
alle anbieten.
Wir
brauchen eine radikale Energiewende, die u. a. Reformen der Steuer- und
Abschreibungsordnung erfordert. Wir müssen weg von absurden Vergleichen
der Extraktionskosten, hin zu einer Öko-Bilanz als
Entscheidungskriterium. Denn während die schon verbrauchten
nicht-erneuerbaren Energien verloren sind, ist es bei den erneuerbaren
genau umgekehrt: die ungenutzte Wind und Sonnenenergie von gestern ist für
immer verloren. Können wir uns das noch länger leisten?
Wir
haben jetzt die Wahl. Wir können uns gegenseitig umbringen im Kampf um
immer knappere globale Ressourcen oder wir können mit den nötigen
Strukturanpassungen bei uns anfangen. Zum Glück bewerten die meisten
Menschen viele Ecksteine eines guten Lebens - wie Mitgefühl,
Freundschaft, Gerechtigkeit, Teilnahme, eine saubere Umwelt, stabile
Gemeinschaften, Kultur, Großzügigkeit und gute Arbeit – höher als
eine möglichst große Auswahl an Konsumgütern.
Aber
die reichsten Generationen, die je auf der Erde gelebt haben, lassen
sich überzeugen, dass wir uns Eltern und Großeltern bald nicht mehr
leisten können, denn die Renten sind zu teuer. Auch Kinder sind zu
teuer, wie auch Mitmenschlichkeit. Daher müssen die so genannten
„Schulden“ der Armen eingetrieben werden. Respekt vor dem Leben ist
unbezahlbar. Von den 250 Millionen Tieren, die jedes Jahr in Europa aus
wirtschaftlichen Gründen hin und her transportiert werden, kommen 25
Millionen tot an. Da der Umweltschutz immer teurer wird, können wir uns
bald nicht mehr leisten, auf dieser Erde zu leben.
Gefangen
in diesem ökonomischen Schwachsinn und ohne eine zusammenhängende
Perspektive bestellen wir Expertenkommissionen. Die eine befindet, wir müssten
das Rentenalter senken, um die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Die
andere erklärt, wir müssten das Rentenalter erhöhen wegen der Kosten.
Die eine macht sich große Sorgen über die zunehmende private
Verschuldung. Die andere macht sich noch größere Sorgen darüber, was
passiert, wenn die Menschen dem japanischen Beispiel folgen, sich nicht
mehr verschulden, sondern ihren Konsum reduzieren. (Wenigstens ein Volk
hält sich für reich genug, aber statt als Vorbild zu gelten, wird es
als Bedrohung für die Weltwirtschaft beschimpft!) „Treffen sich diese
Kommissionen nie?“, fragte ich eine deutsche Ministerin. „Natürlich
nicht!“, lachte sie.
Wir
haben das Wissen, die Arbeitskraft, die Technologien und die Ressourcen,
die meisten globalen Probleme zu lösen.
Die
Ecksteine für eine gerechte und zukunftsgerechte
Weltordnung können in wenigen Jahren gelegt werden, wenn wir es nur
wollen. Aber wir haben in den letzten Jahrzehnten viel Zeit
verschwendet, und je länger wir warten, desto schwieriger wird der Übergang.
„Die
Lösungen sind da“, hieß ein Film über die Right Livelihood Preisträger.
Hier in Salzburg wollen wir in diesen Tagen beschließen, wie wir
gemeinsam den Übergang zu diesen Lösungen erarbeiten, um das
derzeitige Umsetzungsdefizit zu überwinden.
Die
Warnungen vor der drohenden Zerstörung unserer ökologischen
Lebensgrundlagen sind jetzt auch in die Chefetagen eingedrungen.
Schockiert von der Diskussion über Klimakatastrophen auf dem Davoser
Weltwirtschaftsforum, sagte mir ein indischer Unternehmer: „Was für
einen Sinn haben meine geschäftlichen und philanthropischen Aktivitäten,
wenn der Monsunregen ausbleibt?“
Wir
haben alle eine schwere Reise vor uns, aber den ersten Schritt können
wir schon heute tun, nämlich heraustreten aus der uns zugewiesenen
Rolle als einsame Verbraucher in einer fremden, gierigen, sinnlosen
Welt. Denn wir sind viel mehr! Wir sind Teile einer lebendigen,
intelligenten, sinnvollen und kreativen Welt. Wir müssen nur unsere
Identität erweitern und uns wieder verbinden mit unserer Umwelt.
Jeder
von uns steht jetzt an der Grenze, an der wir entscheiden können, ob
wir Teil des Problems bleiben oder Teil der Lösung werden wollen. Sie
haben heute Abend die Möglichkeit, fast 80 Right Livelihood Preisträger
kennen zu lernen, die diese Grenze längst überschritten haben. Ich wünsche
Ihnen einen regen Erfahrungsaustausch!
Wir
zeigen jetzt eine kurze Video-Grußbotschaft von einem Preisträger, der
für seinen Entschluss, Teil der Lösung zu werden, einen sehr hohen
persönlichen Preis zahlte und noch immer zahlt. Mordechai Vanunu hat
tatsächlich versteckte Massenvernichtungswaffen im Nahen Osten
gefunden, nämlich mehrere hundert israelische Atombomben. Dafür wurde
er aus der EU gewaltsam entführt, saß 18 Jahre im Gefängnis (davon 12
Jahre in Einzelhaft) und darf noch immer Israel nicht verlassen! |